Die Engländer. 183
verschlingen sollte, wie die Rotte des Korah, Dathan und Abirain,und um der heiligen Rache noch sicherer zu sein, wurde zu gleicherZeit in den Gerichtssälen Londons der Zorn des Kings-Bench, desGroßkanzlers und selbst des Oberhauses auf die Entweiher desheiligsten Sakramentes herabplädiert — während man in den fashio-nablen Salons über den kühnen Mädchenräuber gar tolerant zuscherzen und zu lachen wußte. Am ergötzlichsten zeigte sich mir dieserKontrast beider Denkweisen, als ich einst in der großen Oper nebenzwei dicken manchesternen Damen saß. die diesen Versammlungsortder vornehmen Welt zum ersten Male in ihrem Leben besuchten,und den Abscheu ihres Herzens nicht stark genug kundgeben konnten.,als das Ballett begann, und die hochgeschürzten schönen Tänzerinnenihre üppig graziösen Bewegungen zeigten, ihre lieben langen, laster-haften Beine ausstreckten, und plötzlich bacchantisch den entgegen-hüpfenden Tänzerinnen in die Arme stürzten; die warme Musik,die llrkleider von fleischfarbigem Trikot, die Naturalsprünge, allesvereinigte sich, den armen Damen Angstschweiß auszupressen, ihreBusen erröteten vor Unwillen, sboeüinA! kor sbams, kor sbarns!ächzten sie beständig, und sie waren so sehr von Schrecken gelähmt,daß sie nicht einmal das Perspektiv vom Auge fortnehmen konntenund bis zum letzten Augenblicke, bis der Vorhang fiel, in dieserSituation sitzen blieben.
Trotz diesen entgegengesetzten Geistes- und Lebensrichtungenfindet man doch wieder im englischen Volke eine Einheit der Gesin-nung, die eben darin besteht, daß es sich als ein Volk fühlt; dieneueren Stutzköpfe und Kavaliere mögen sich immerhin wechselseitighassen und verachten, dennoch hören sie nicht auf, Engländer zu sein;als solche sind sie einig und zusammengehörig, wie Pflanzen, dieaus demselben Boden hervorgeblüht und mit diesem Boden wunder-bar verwebt sind. Daher die geheime Übereinstimmung des ganzenLebens und Wcbens in England, das uns beim ersten Anblick nurein Schauplatz der Verwirrung und Widersprüche dünken will.Überreichtnm und Misere, Orthodoxie und Unglauben, Freiheit undKnechtschaft, Grausamkeit und Milde, Ehrlichkeit und Gaunerei, dieseGegensätze in ihren tollsten Extremen, darüber der graue Nebel-Himmel,°von allen Seiten summende Maschinen, Zahlen, Gaslichter,Schornsteine, Zeitungen, Porterkriige, geschlossene Mäuler, alles dieseshängt so zusammen, daß wir uns keines ohne das andere denkenkönnen, und was vereinzelt unser Erstaunen oder Lachen erregenwürde, erscheint uns als ganz gewöhnlich und ernsthaft in seinerVereinigung.
Ich glaube aber, so wird es uns überalt gehen, sogar in solchenLanden, wovon wir noch seltsamere Begriffe hegen, und wo wir nochreichere Ausbeute des Lachens und Staunens erwarten. Unsere