Gespräch auf der Themse. 173
„Ist nun bei den Engländern das meiste Bedürfnis nach per-sönlicher Freiheit, sv möchte wohl der Franzose im Notfall diese ent-behren können, wenn man ihn nnr jenen Teil der allgemeinenFreiheit, den wir Gleichheit nennen, vollauf genießen läßt. DieFranzosen sind kein häusliches Volk, sondern ein geselliges, sie liebenkein schweigendes Bcisammcnsitzeu, welches sie uns oonvsrsalnoirauglcusg nennen, sie laufen plaudernd vom Kaffeehaus nach demKasino, vom Kasino nach den Salons, ihr leichtes Champagnerblutund angeborenes Umgangstalent treibt sie zum Gesellschastslebcn,und dessen erste und letzte Bedingung, ja dessen Seele ist: die Gleich-heit. Mit der Ausbildung der Gesellschnftlichkeit in Frankreich mußtedaher auch das Bedürfnis der Gleichheit entstehen, und wenn auchder Grund der Revolution im Budget zu suchen ist, so wurde ihrdoch zuerst Wort und Stimme verliehen von jenen geistreichen Ro-turiers, die in den Salons von Paris mit der hohen Noblesse schein-bar auf einem Fuße der Gleichheit lebten, und doch dann und wann,sei es auch nur durch ein kaum bemerkbares, aber desto tiefer ver-letzendes Feudallächeln, an die große, schmachvolle Ungleichheit er-innert Vierden; — und wenn die vanaiUs roturisrs sich die Frei-heit nahm, jene hohe Noblesse zu köpfen, so geschah dieses vielleichtweniger, um ihre Güter als um ihre Ahnen zu erben, und statt derbürgerlichen Ungleichheit eine adlige Gleichheit einzuführen. Daßdieses Streben nach Gleichheit das Hanptprinzip der Revolution war,dürfen wir um so mehr glauben, da die Franzosen sich bald glück-lich und zufrieden fühlten unter der Herrschaft ihres großen Kaisers,der, ihre Unmündigkeit beachtend, all ihre Freiheit unter seinerstrengen Kuratel hielt, und ihnen nur die Freude einer völligen,ruhmvollen Gleichheit überließ.
„Weit geduldiger als der Franzose erträgt daher der Engländerden Anblick einer bevorrechteten Aristokratie; er tröstet sich, daß erselbst Rechte besitzt, die es jeuer unmöglich macheu, ihn in seinenhäuslichen Komforts und in seinen LebcnSansprüchcn zu stören.Auch trägt jene Aristokratie nicht jene Rechte zur Schau, wie aufdem Kontinente. In den Straßen und öffentlichen Vergnügungs-sälcn Londons sieht man bunte Bänder nur auf den Hauben derWeiber und goldene und silberne Abzeichen nur auf den Röcken derLakaien. Auch jene schöne bunte Livree, die bei uns einen bevor-rechteten Wehrstand ankündigt, ist in England nichts weniger alseine Ehrenauszeichnnng; wie ein Schauspieler sich nach der Vorstel-lung die Schminke abwischt, so eilt auch der englische Offizier, sichseines roten Nocks zu entledigen, sobald die Dienststunde vorüber ist,und im schlichten Rock eines Gentleman ist er wieder ein Gentleman.Nur auf dem Theater zu St. JameS gelten jene Dekorationen undKostüme, die aus dem Kehricht des Mittelalters ausbewahrt worden:
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