164 Reisebilder II.
fletschenden Zähnen, die drohenden Bankiernasen, die tödlichen Augen,die ans den Kapuzen hervorstechen, die bleichen Manschettcnhändemit blanken Messern —
Auch die alte Frau, die neben mir wohnt, meine Wandnach-barin, hält mich für verrückt, nnd behauptet, ich spräche im Schlafedas wahnsinnigste Zeug, und die vorige Nacht habe sie deutlich ge-hört, daß ich rief: „Dnlcinea ist das schönste Weib der Welt nndich der unglücklichste Ritter auf Erden, aber es ziemt sich nicht, daßmeine Schwäche diese Wahrheit verleugne — stoßt zu mit derLanze, Ritter!"
spätere Nachschrift.
(November 18S0.Z
Ich weiß nicht, welche sonderbare Pietät mich davon abhielt,einige Ausdrücke, die mir bei späterer Durchsicht der vorstehendenBlätter etwas allzuherbe erschienen, im mindesten zu ändern. DasManuskript war schon so gelb verblichen wie ein Toter, nnd ichhatte Scheu, es zu verstümmeln. Alles verjährt Geschriebene hatsolch inwohncndcs Recht der Unvcrletzlichkeit, nnd gar diese Blätter,die gewissermaßen einer dunkeln Vergangenheit angehören. Dennsie sind fast ein Jahr vor der dritten bourbonischen Hedschira ge-schrieben, zu einer Zeit, die weit herber war als der herbste Aus-druck, zu einer Zeit, wo es den Anschein gewann, als könnte derSieg der Freiheit noch um ein Jahrhundert verzögert werden. Eswar wenigstens bedenklich, wenn man sah, wie unsere Ritter sosichere Gesichter bekamen, wie sie die verblaßten Wappen wieder frisch-bunt anstreichen ließen, wie sie mit Schild nnd Speer zu Münchenund Potsdam turnierten, wie sie so stolz auf ihren Rossen saßen,als wollten sie nach Quedlinburg reiten, um sich neu auflegen zulassen bei Gottfried Basse. Noch unerträglicher waren die triumphie-rend tückischen Äugelein unserer Pfäffelein, die ihre langen Ohrenso schlau unter der Kapuze zu verbergen wußten, daß wir die ver-derblichsten Kniffe erwarteten. Man konnte gar nicht vorher wissen,daß die edlen Ritter ihre Pfeile so kläglich verschießen würden, nndmeistens anonym oder wenigstens im Davonjagen, mit abgewcndetcmGesichte, wie fliehende Baschkiren. Ebensowenig konnte man vorherwissen, daß die Schlangenlist unserer Pfäffelein so zu Schandenwerde — ach! es ist fast Mitleiden erregend, wenn man sieht, wieschlecht sie ihr bestes Gift zu brauchen wissen, da sie uns aus Wutin großen Stücken den Arsenik an den Kopf werfen, statt ihn lot-weis und liebevoll in unsere Suppen zu schütten, wenn man sieht,wie sie aus der alten Kinderwllsche die verjährten Windeln ihrerFeinde hervorkramen, um Unrat zu erschnüffeln, wie sie sogar die