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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
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Die Stadt Lucca. 151

erkannt hat. Ich glaube auch, daß Loth mit seinen Töchtern zu vielgetrunken. Ich glanbe, daß die Frau des Potiphar den Rock desfrommen Joseph in Händen behalten. Ich glaube, daß die beidenAlten, die Susannen im Bade überraschten, sehr alt gewesen sind.Außerdem glaub' ich noch, daß der Erzvater Jakob erst seinen Bruderund dann seinen Schwiegervater betrogen, daß König David deinllria eine gute Anstellung bei der Armee gegeben, daß Salomo sichtausend Weiber angeschafft und nachher gejammert, es sei alles eitel.Auch an die zehn Gebote glaube ich, und halte sogar die meisten;ich laß mich nicht gelüsten meines Nächsten Ochsen, noch seiner Magd,noch seiner Kuh, noch seines Esels. Ich arbeite nicht am Sabbath,dem siebenten Tage, wo Gott geruht; ja, aus Vorsicht, da mau nichtmehr genau weiß, welcher dieser siebente Ruhetag war, thue ich oftdie ganze Woche nichts. Was aber gar die Gebote Christi betrifft,so übte ich immer das wichtigste, nämlich, daß man sogar seineFeinde lieben soll — denn ach! diejenigen Menschen, die ich ammeisten geliebt habe, waren immer, ohne daß ich es wußte, meineschlimmsten Feinde.

Um Gottes willen, Mathilde, weinen Sie nicht! rief ich, alswieder ein Ton der schmerzhaftesten Bitterkeit aus der heiterstenNeckerei, wie eine Schlange aus einem Blumenbeete, hervorschoß.Ich kannte ja diesen Ton, wobei das witzige Krystallherz der wunder-baren Frau zwar immer gewaltig, aber nicht lange erzitterte, und ichwußte, daß er ebenso leicht, wie er entsteht, auch wieder verscheuchtwird durch die erste, beste lachende Bemerkung, die mau ihr mitteilte,oder die ihr selbst durch den Sinn flog. Während sie, gelehnt an dasPortal des Klosterhofes, die glühende Wange an die kalten Steinepreßte, und sich mit ihren laugen Haaren die Thränenspur aus denAugen wischte, suchte ich ihre gute Laune wieder zu erwecken, indemich in ihrer eigenen Spvttweisc die arme Franceska zu mystifizierensuchte, und ihr die wichtigsten Nachrichten mitteilte über den sieben-jährigen Krieg, der sie so sehr zu interessieren schien, und den sienoch immer unbcendigt glaubte. Ich erzählte ihr viel Interessantesvon dem großen Federigo, dem witzigen Kamaschengott von Sans-souci, der die preußische Monarchie erfunden, und in seiner Jugendrecht hübsch die Flöte blies, und auch französische Verse gemacht hat.Franceska frug mich, ob die Preußen oder die Deutschen siegenwerden? Denn, wie schon oben bemerkt, sie hielt erstere für einganz anderes Volk, und es ist auch gewöhnlich, daß in Italien, unterdem Namen Deutsche nur die Österreicher verstanden werden, Siguorawunderte sich nicht wenig, daß ich selbst lange Zeit in der Lapitaloclsklu 1?russia gelebt habe, nämlich in lZsrlino, einer Stadt, die ganzoben in der Geographie liegt, unfern vom EiSpol. Sie schauderte,als ich ihr die Gefahren schilderte, denen man dort zuweilen aus-