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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
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Die Stadt Linea. 149

Weltgeschichte eine Legende. War ich angesteckt von dem Wunder-glauben FranceSkas, die das Kreuz mit wilder Begeisterung küßte?Verdrießlich wurde mir die ebenso wilde Spottlust der witzigen Britin.Bielleicht verletzte mich solche um so mehr, da ich mich selbst nichtdavon frei fühlte, und sie keineswegs als etwas Lobenswertes er-achtete. Es ist nun mal nicht zu leugnen, daß die Spottlust, dieFreude am Widerspruch der Dinge, etwas Bösartiges in sich trägt,statt daß der Ernst mehr mit den besseren Gefühlen verwandt ist l—die Tugend, der Freiheitssinn und die Liebe selbst sind sehr ernst-haft. Indessen, es giebt Herzen, worin Scherz und Ernst, Bösesund Heiliges, Glut und Kälte sich so abenteuerlich verbinden, daß esschwer wird, darüber zu urteilen. Ein solches Herz schwamm in derBrust Mathildcns; manchmal war es eine frierende Eisinsel, ausderen glattem Spiegelboden die sehnsüchtig glühendsten Palmenwälderhervorblühten, manchmal war es wieder ein enthusiastisch flammenderVulkan, der plötzlich von einer lachenden Schneclawine überschüttetwird. Sie war durchaus nicht schlecht bei all ihrer Ausgelassenheit,nicht einmal sinnlich; sa, ich glaube, von der Sinnlichkeit hatte sienur die witzige Seite aufgefaßt, und ergötzte sich daran wie an einemnärrischen Puppenspiele. Es war ein humoristisches Gelüste, einesüße Neugier, wie sich der oder jener bunte Kauz in verliebten Zu-ständen gebärden würde. Wie ganz anders war Franceska! Inihren Gedanken und Gefühlen war eine katholische Einheit. AmTage war sie ein schmachtend blasser Mond, des Nachts war sie eineglühende Sonne — Mond meiner Tage! Sonne meiner Nächte!Ich werde dich niemals wiedersehen.

Sie haben recht, sagte Myladh, ich glaube auch an die Wnndcr-thätigkeit eines KreuzeS. Ich bin überzeugt, wenn der Marchese anden Brillanten des versprochenen Kreuzes nicht zu sehr knickert, sobewirkt er gewiß bei Signora ein brillantes Wunder; sie wird amEnde noch so sehr davon geblendet werden, daß sie sich in seine Naseverliebt. Auch habe ich oft gehört von der Wunderthätigkeit einigerOrdenskrenze, die einen ehrlichen Mann zum Schufte machen konnten.

So spöttelte die hübsche Frau über alles, sie kokettierte mit demarmen Sakristan, machte dem Bischof mit der abgetretenen Nase nochdrollige Excusen, wobei sie sich seinen etwaigen Gegenbesuch höflichstverbat, und als wir an den Weihkcssel gelangten, wollte sie michdurchaus wieder in einen Esel verwandeln.

War es nun wirkliche Stimmung, die der Ort einflößte, oder wollteich diesen Spaß, der mich im Grunde verdroß, so scharf als möglichablehnen, genug, ich warf mich in das gehörige Pathos und sprach:

Mylady, ich liebe keine Religionsverächterinnen. Schöne Frauen,die keine Religion haben, sind ivie Blumen ohne Duft; sie gleichenjenen kalten, nüchternen Tulpen, die uns aus ihren chinesischen