132 Reisebilder II.
bestimmte Beschäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er arbeitetlässig, wie jeder, der nicht für eigene Rechnung arbeitet, und vieleKvllcgen hat, und im großen Geschäftstreiben leicht unbemerkbarbleibt — nur der Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen, und nochmehr dessen Erhaltung, da er bei einem etwaigen Bankrotte seinenLebensunterhalt verlöre. Der protestantische Pfaffe hingegen istüberall selbst Prinzipal, und treibt die Religivnsgeschäste für eigeneRechnung. Er treibt keinen Großhandel wie sein katholischer Ge-werbsgenosse, sondern nur einen Kleinhandel; und da er demselbenallein vorstchen muß, darf er nicht lässig sein, er muß seine Glaubens-artikel den Leuten anriihmen, die Artikel seiner Konkurrenten herab-setzen, und als echter Kleinhändler steht er in seiner Ausschnittbude,voll von Gcwcrbsneid gegen alle großen Häuser, absonderlich gegendas große Haus in Rom, das viele tausend Buchhalter und Pack-knechte besoldet und seine Faktoreien hat in allen vier Weltteilen.
Solches hat nun freilich auch seine physiognomische Wirkungen,aber diese sind doch nicht vom Parterre aus bemerkbar, die Familien-ähnlichkeit in den Gesichtern katholischer und protestantischer Pfaffenbleibt doch in ihren Hauptzügen unverändert, und wenn der General-intendant die obenerwähnten Herren gut bezahlt, so werden sie ihreRolle, wie immer, recht täuschend spielen. Auch ihr Gang wird zurIllusion beitragen; obgleich ein feines, geübtes Auge wohl merkt,daß er sich von dem Gang katholischer Priester und Mönche eben-falls durch feine Nuancen unterscheidet.
Ein katholischer Pfaffe wandelt einher, als wenn ihm der Himmelgehöre; ein protestantischer Pfaffe hingegen geht herum, als wenner den Himmel gepachtet habe.
Knpitrl v.
Es war schon Nacht, als ich die Stadt Lucca erreichte.
Wie ganz ander? erschien sie mir die Woche vorher, als ich amTage durch die wiederhallend öden Straßen wandelte, und mich ineine jener verwunschenen Städte versetzt glaubte, wovon mir einstdie Amme so viel erzählt. Da war die ganze Stadt still wie dasGrab, alles war so verblichen und verstorben, auf den Dächern spielteder Sonnenglauz wie Goldflitter auf dem Haupte einer Leiche, hierund da aus den Fenstern eines altverfallenen Hauses hingen Epheu-rauken wie vertrocknet grüne Thränen, überall glimmender Moderund ängstlich stockender Tod, die Stadt schien nur das Gespenst einerStadt, ein steinerner Spuk am hellen Tage. Da suchte ich langevergebens die Spur eines lebendigen Wesens. Ich erinnere michnur, vor einem alten Palazzo lag ein schlafender Bettler mit aus-gestreckt offener Hand. Auch erinnere ich mich, oben am Fenstereines schwärzlich morschen Häusleins sah ich einen Mönch, der den