gg Reisebilder II.
Glaubersalz selbst schon eingenommen, und als fühlte ich die Wirkung,Was ist der Mensch! Ich bin in Italien und denke an die dickeGudel vom Drcckwall! Wer hätte das gedacht! Ich kann mir vor-stellen, sie ist jetzt auf dem Lande in ihrem Garten, wo der Mondscheint, und gewiß auch eine Nachtigall singt oder eine Lerche,
Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche! seufzte Gumpelinvdazwischen, und deklamierte vor sich hin:
Sie singt des Nachts auf dem Granatbanm dort.
Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall,
Das ist ganz einerlei — fuhr Hyacinth fort — meinethalbenein Kanarienvogel; die Vögel, die man im Garten hält, kosten amwenigsten. Die Hauptsache ist das Treibhaus, und die Tapeten imPavillon und die Staatsfignren, die davor stehen, und da stehenzum Beispiel ein nackter General von den Göttern und die VenusUrinia, die beide dreihundert Mark kosten. Mitten im Garten hatsich die Gudel auch eine Fontenclle anlegen lassen — lind da steht sievielleicht jetzt und puhlt sich die Nase, und macht sich ein Schwärmerei-Vergnügen, und denkt an mich — Ach!
Nach diesem Seufzer erfolgte eine sehnsüchtige Stille, die der Mar-chese endlich unterbrach mit der schmachtenden Frage: Sage mir ansdeine Ehre, Hyacinth, glaubst du wirklich, daß dein Pulver wirken wird?
Es wird auf meine Ehre wirken, erwiderte jener. Warum solles nicht wirken? Wirkt es doch bei mir! Und bin ich denn nicht einlebendiger Mensch so gut wie Sie? Glaubersalz macht alle Menschengleich; und wenn Rothschild Glaubersalz einnimmt, fühlt er dieselbeWirkung wie das kleinste Maklerchen. Ich will Ihnen alles voraus-sagen: Ich schütte das Pulver in ein Glas, gieße Wasser dazu, rührees, und sowie Sie das hinuntergeschluckt haben, ziehen Sie ein saueresGesicht und sagen Prr! Prr! Hernach hören Sie selbst, wie es inIhnen hcrnmkollert, und es ist Ihnen ctivas kurios zu Mut, undSie legen sich zu Bett, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Siestehen wieder auf, und Sie legen sich wieder, und stehen wieder auf,und so fort, und den andern Morgen fühlen Sie sich leicht wie einEngel mit weißen Flügeln, und Sie tanzen vor Gesundeswohlheit,nur ein bißchen blaß sehen Sie dann ans; aber ich weiß, Sie sehengern schmachtend blaß aus, und wenn Sie schmachtend blaß aussehen,sieht man Sie gern —
Obgleich Hyacinth solchermaßen zuredete, und schon das Pulverbereitete, hätte das doch wenig gefruchtet, wenn nicht dem Marcheseplötzlich die Stelle, wo Julia den verhängnisvollen Trank einnimmt,in den Sinn gekommen wäre. Was halten Sie, Doktor — rief er— von der Müller in Wien? Ich habe sie als Julia gesehen, undGott! Gott! wie spielt sie! Ich bin doch der größte Enthusiast für