90 Neisedilder II.
Und Sie, Herr Hyacinth, warum knieen Sie nicht hinter ihm?Oder sind Sie etwa kein Freund von der katholischen Religion?
Ich bin ein Freund davon, und bin auch wieder kein Freunddavon, antwortete jener mit bedenklichem Kopfwiegen. Es ist einegute Religion für einen vornehmen Baron, der den ganzen Tagmüßig gehen kann, und für einen Kunstkenner; aber es ist keineReligion für einen Hamburger, sin einen Mann, der sein Geschäfthat, und durchaus keine Religion für einen Lotteriekollektcur. Ichmuß jede Nummer, die gezogen wird, ganz exakt ausschreiben, unddenke ich dann zufällig an Bnm! Bum! Bnm! an eine katholischeGlvck', oder schwebelt es mir vor den Augen wie katholischer Weih-ranch, und ich verschreib' mich, und ich schreibe eine unrechte Zahl, sokann das größte Unglück daraus entstehen. Ich habe oft zu HerrnGnmpel gesagt: Ew. Exccllcnz sind ein reicher Mann und könnenkatholisch sein, soviel Sie wollen, und können sich den Verstand ganzkatholisch einräuchern lassen, und können so dumm werden, wie einekatholische Glock', und Sie haben doch zu essen; ich aber bin einGeschäftsmann, und muß meine sieben Sinne zusammenhalten, umwas zu verdienen. Herr Gnmpel meint freilich, es sei nötig für dieBildung, und wenn ich nicht katholisch würde, verstände ich nicht dieBilder, die zur Bildung gehören, nicht den Johann von Biehcscl,den Corretschio, den Caratschiv, den Caravatschio — aber ich habeimmer gedacht, der Corretschio und Cvratschiv und Caravatschio könnenmir alle nichts Helsen, wenn niemand mehr bei mir spielt, und ichkomme dann in die Patschio. Dabei muß ich Ihnen auch gestehen,Herr Doktor, daß mir die katholische Religion nicht einmal Bergungenmacht, und als ein vernünftiger Mann müssen Sie mir recht geben.Ich sehe das Pläsir nicht ein, es ist eine Religion, als wenn derliebe Gott, Gott bewahre! eben gestorben wäre, und es riecht dabeinach Weihrauch, wie bei einem Leichenbegängnis, und dabei brummteine so traurige Begräbnismusik, daß man die Melnncholik bekommt— ich sage Ihnen, es ist keine Religion für einen Hamburger.
Aber, Herr Hyacinth, wie gefällt Ihnen denn die protestantischeReligion?
Das ist mir wieder zu vernünftig, Herr Doktor, und gäbe eS inder protestantischen Kirche keine Orgel, so wäre sie gar keine Religion.Unter uns gesagt, diese Religion schadet nichts und ist so rein wieein Glas Wasser, aber sie hilft auch nichts. Ich habe sie probiert,und diese Probe kostet mich vier Mark vierzehn Schilling —
Wieso, mein lieber Herr Hyacinth?
Sehen Sie, Herr Doktor, ich habe gedacht: Das ist freilich einesehr aufgeklärte Religion, und es fehlt ihr an Schwärmerei undWunder; indessen ein bißchen Schwärmerei muß sie doch haben, einganz klein Wnnderchen muß sie doch thun können, wenn sie sich für