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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
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74 Reisediiber II.

großen Sessel lehnend, die Gnitarre spielte. Im Nebenzimmerflatterten dann und wann ebenfalls die Fetzen eines süßen Liedesoder eines noch wundersüßeren Lachens. Mit einer gewissen wohl-feilen Ironie, die den Marchese zuweilen anwandelte, präsentierte ermich der Signora und den beiden Herren, und bemerkte dabei, ichsei derselbe Johann Heinrich Heine, Doktor Iuris, der jetzt in derdeutschen juristischen Litteratnr berühmt sei. Zum Unglück war dereine Herr ein Professor ans Bologna, und zwar ein Jurist, obgleichsein wohlgeivölbter, runder Bauch ihn eher zu einer Anstellung beider sphärischen Trigonometrie zu qualifizieren schien. Einigermaßenin Verlegenheit gesetzt, bemerkte ich, daß ich nicht unter meinemeigenen Namen schriebe, sondern unter dem Namen Jarke; und dassagte ich aus Bescheidenheit, indem nur zufällig einer der wehmütigstenJnsektennamcn unserer juristischen Litteratnr ins Gedächtnis kam.Der Bologneser beklagte zwar, diesen berühmten Namen noch nichtgehört zu haben — welches auch bei dir, lieber Leser, der Fall seinwird — doch zweifelte er nicht, daß er bald seinen Glanz über dieganze Erde oerbreiten werde. Dabei lehnte er sich zurück in seinenSessel, griff einige Accorde auf der Guitarre und sang aus Axnr:

O mächtiger Brahma!

Ach, laß dir das LallenDer Unschuld gefallen,

Das Lallen, das Lallen —

Wie ein lieblich neckendes Nachtigall-Echo schmetterte im Neben-zimmer eine ähnliche Melodie. Signora Lätizia aber trillerte da-zwischen im feinsten Diskant:

Dir allein glüht diese Wange,

Dir nur klopfen diese Pulse;

Voll von süßem LiebesdrangeHebt mein Herz sich dir allein!

Und mit der fettigsten Prosastimme setzte sie hinzu: Bartolv,gieb mir den Spncknapf!

Von seinem niederen Bänkchen erhob sich jetzt Bartvlo, mitseinen dürren, hölzernen Beinen, und präsentierte ehrerbietig einenetwas unreinlichen Napf von blauem Porzellan.

Dieser zweite Galan, wie mir Gumpelino auf deutsch zuflüsterte,war ein sehr berühmter Dichter, dessen Lieder, obgleich er sie schonvor zwanzig Jahren gedichtet, noch jetzt in ganz Italien klingen undmit der süßen Liebesglut, die in ihnen flammt, alt und jung be-rauschen, — derweilen er selbst jetzt nur ein armer, veralteter Menschist, mit blassen Augen im welken Gesichte, dünnen weißen Härchenauf dem schwankenden Kopfe, und kalter Armut im kümmerlichen