72 Reisebilder H.
Augen zubinden und mich in der Galeric zu Florenz herumführenund bei jedem Gemälde, vor welches Sie mich hinstellen, will ichIhnen den Maler nennen, der es gemalt hat, oder wenigstens dieschule, wozu dieser Maler gehört. Musik? Verstopfen Sie mir dieOhren und ich höre doch jede falsche Note. Poesie? Ich kenne alleSchauspielerinnen Deutschlands, und die Dichter weiß ich auswendig,lind gar Natur! Ich bin zweihundert Meilen gereist, Tag und Nachtdurch, um in Schottland einen einzigen Berg zu sehen. Italien abergeht über alles. Wie gefällt Ihnen hier diese Naturgcgend? WelcheSchöpfung! Sehen Sie mal die Baume, die Berge, den Himmel,da unten das Wasser — ist nicht alles wie gemalt? Haben Sie esje im Theater schöner gesehen? Man wird, sozusagen, ein Dichter!Verse kommen einem in den Sinn, und man weiß nicht, woher: —
Schweigend, in der Abcnddämmrung SchleierRuht die Flur, das Lied der Haine stirbt;
Nur daß hier im alternden GemäuerMelancholisch noch ein Heimchen zirpt.
Diese erhabenen Worte deklamierte der Marchcse mit nbcr-schwcllender Rührung, indem er wie verklärt in das lachende morgen-helle Thal hinabschaute.
Knpitcl IV.
Als ich einst an einem schönen Frühlingstage unter den Ber-liner Linden spazieren ging, wandelten vor nur zwei Frauenzimmer,die lange schwiegen, bis endlich die eine schmachtend aufseufzte: Ach,die jrine Becme! Worauf die andere, ein junges Ding, mit naiverVerwunderung fragte: Mutter, was gehen Ihnen die jrine Beemc an?
Ich kann nicht umhin, zu bemerken, daß beide Personen zwarnicht in Seide gekleidet gingen, jedoch keineswegs zum Pöbel gehörten,wie es denn überhaupt in Berlin keinen Pöbel gicbt, außer etwa inden höchsten Standen. Was aber jene naive Frage selbst betrifft,so kommt sie mir nie aus dem Gedächtnisse. Überall, wo ich un-wahre Natnrempfindung und dergleichen grüne Lügen ertappe, lachtsie mir ergötzlich durch den Sinn. Auch bei der Deklamation desMarchese wurde sie in mir laut, und, den Spott ans meinen Lippenerratend, rief er verdrießlich: Stören Sic mich nicht — Sic habenkeinen Sinn für reine Natürlichkeit — Sie sind ein zerrissenerMensch, ein zerrissenes Gemüt, sozusagen: ein Byron.
Lieber Leser, gehörst du vielleicht zu jenen frommen Vögeln, dieda einstimmen in das Lied von byronischer Zerrissenheit, daS mirschon seit zehn Jahren in allen Weisen vorgepfiffen und vvrgezwitschertworden, und sogar im Schädel des Marchcse, wie du oben gehörthast, sein Echo gefunden? Ach, teurer Leser, wenn du über jene