Die Bäder von Lncca. 65
Er hat sich wenigstens an den britisch frostigen Herzen so starkerkältet, daß er noch jetzt davon den Schnupfen hat.
Mylady schien pikiert über diese Antwort, sie ergriff die Reit-gerte, die zwischen den Blättern eines Romans als Lesezeichen lag,schwang sie nm die Ohren ihres weißen Jagdhundes, der leise knurrte,hob hastig ihren Hut von der Erde, setzte ihn keck nnfS Lockenhanpt,sah ein paarmal wohlgefällig in den Spiegel und sprach stolz: Ichbin noch schon! Aber plötzlich, wie von einem dunkeln Schmerzgefühldurchschauert, blieb sie sinnend stehen, streifte langsam ihren weißenHandschuh von der Hand, reichte ihn mir, und meine Gedanken pfeil-schnell ertappend, sprach sie: Nicht wahr, diese Hand ist nicht mehrso schön wie in Ramsgate? Mathilde hat unterdessen viel gelitten!
Lieber Leser, man kann es den Glocken selten ansehen, wo sieeinen Riß haben, und nur an ihrem Tone merkt man ihn. Hättestdu nun den Klang der Stimme gehört, womit obige Worte gesprochenwurden, so wüßtest du gleich, Myladhs Herz ist eine Glocke vombesten Metall, aber ein verborgener Riß dämpft wunderbar ihreheitersten Töne, und nmschlciert sie gleichsam mit heimlicher Traner.Doch ich liebe solche Glocken, sie finden immer ein gutes Echo inmeiner eigenen Brust; und ich küßte Myladhs Hand fast inniger alsehemals, obgleich sie minder vvllbliihend mar, und einige Adernetwas allznblan hervortretend, mir ebenfalls zu sagen schienen:Mathilde hat unterdessen viel gelitten.
Ihr Auge sah mich an wie ein wehmütig einsamer Stern amherbstlichen Himmel, und weich und innig sprach sie: Sic scheinenmich wenig mehr zu lieben, Doktor! Denn nur mitleidig siel ebenIhre Thräne ans meine Hand, fast wie ein Almosen.
Wer heißt Sic die stumme Sprache meiner Thränen so dürftigausdeuten? Ich wette, der weiße Jagdhund, der sich jetzt an Sieschmiegt, versteht mich besser; er schaut mich an und dann wiederSic, und scheint sich zu wundern, daß die Menschen, die stolzenHerren der Schöpfung, innerlich so tief elend sind. Ach, Mylady,nur der verwandte Schmerz entlockt uns die Thräne, und jeder weinteigentlich für sich selbst.
Genug, genug, Doktor. Es ist wenigstens gut, daß wir Zeit-genossen sind und in demselben Erdwinkel uns gefunden mit unserennärrischen Thränen. Ach des Unglücks, wenn Sie vielleicht zwei-hundert Jahre früher gelebt hätten, wie es mir mit meinem FreundeMiguel de Cervantes Saavedra begegnet, oder gar, wenn Sie hun-dert Jahre später ans die Welt gekommen wären als ich, wie einanderer intimer Freund von mir, dessen Namen ich nicht einmalweiß, eben weil er ihn erst bei seiner Geburt, anno IWl), erhallenwird! Aber erzählen Sie doch, wie haben Sie gelebt, seit wir unsnicht gesehen?
Hcine's Werke. VI. Vd. 5