Reise von München nach Genna.
Aber ach! jeder Zell, den die Menschheit weiter rückt, kästet StrömeBlutes; und ist das nicht etwa zu teuer? Ist das Lehen des Individuums nicht vielleicht ebensoviel wert wie daS des ganzen Ge-schlechtes? Denn jeder einzelne Arensch ist schan eine Welt, die mitihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegteine Weltgeschichte — Still davon! so würden die Toten sprechen,die hier gefallen sind; nur aber leben und wollen weiter kämpfenim heiligen Befreiungskriege der Menschheit.
Wer denkt jetzt noch an Marengo! — sagte mein Reisegefährte,der livländischc Russe, als wir über das Brachfeld fuhren — jetztsind alle Augen gerichtet nach dem Balkan, wo mein LandsmannDiebitsch den" Türken die Turbane zurechtsetzt, und wir werden nochdieses Jahr Konstautinopel einnehmen. Sind Sie gut russisch?
Das war eine Frage, die ich überall lieber beantwortet hätteals auf dem Schlachtfelde von Marcngo — Ich sah im Morgennebelden Mann mit dem dreieckigen Hütchen und dem grauen Schlacht-mantcl, er jagte dahin wie ein Gedanke, geistcrschncll, in der Ferneerscholl es wie ein schaurig süßes Allans, snlnnts eis In pntris —Und dennoch antwortete ich: Ja, ich bin gut russisch.
Und in der That, bei dem wunderlichen Wechsel der Losungs-worte und Repräsentanten in dein großen Kampfe hat es sich jetztso gefügt, daß der glühendste Freund der Revolution nur im SiegeNußlands das Heil der Welt sieht, und den Kaiser Nikolas als denGonfaloniere der Freiheit betrachten muß. Seltsamer Wechsel! nochvor zwei Jahren bekleideten wir mit diesem Amtc einen englischenMinister, daS Geheul des hochtoryschcn Hasses gegen George Cauningleitete damals unsere Wahl; in den adlig unedlen Kränkungen, dieer erlitt, sahen wir die Garnnticeu seiner Treue, und als er desMärthrertodes starb, da legten wir Trauer an, und der 8. Augustwurde ein heiliger Tag im Kalender der Freiheit. Die Fahne abernahmen wir wieder fort von Downingstrcet, und pflanzten sie aufdie Petersburg, und wählten zu ihrem Träger den Kaiser Nikolas,den Ritter von Europa, der die griechischen Witwen und Waisenschützte gegen asiatische Barbaren, und in solchem guten Kampfe seineSporen verdiente. Wieder hatten sich die Feinde der Freiheit zu sehrverraten, und wir benutzten wieder den Scharfsinn ihreS Hasses, umunser eigenes Beste zu erkennen. Wieder zeigte sich diesmal die ge-wöhnliche Erscheinung, daß nur unsere Repräsentanten vielmehr derStimmenmehrheit unserer Feinde als der eigenen Wahl verdanken,und indem wir die wunderlich zusammengesetzte Gemeinde betrachteten,die für das Heil der Türkei und den Untergang Rußlands ihrefrommen Wünsche gen Himmel sandte, so merkten wir bald, werunser Freund oder vielmehr der Schrecken unserer Feinde ist. Wiemußte der liebe Gvtt im Himmel lachen, als er zu gleicher Zeit