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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
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Neise von München nach Genna. 53

Allgemeinheit der europäischen Civilisatiou, es giebt jetzt in Europakeine Nationen mehr, sondern nur Parteien, und es ist ein wunder-samer Anblick, wie diese trotz der mannigfaltigsten Farben sich sehrgut erkennen., und trotz der vielen Sprachverschiedenheiten sich sehrgut verstehen. Wie es eine materielle Staatenpolitik giebt, so giebtes jetzt auch eine geistige Parteipolitik; und wie die Staatenpvlitikauch den kleinsten Krieg, der zwischen den zwei unbedeutendstenMächten ausbräche, gleich zu einem allgemeinen europäischen Kriegmachen wurde, worin sich alle Staaten mit mehr oder minderemEifer, ans jeden Fall mit Interesse, mischen müßten: so kann jetztin der Welt auch nicht der geringste Kampf vorfallen, bei dem durchjene Parteipolitik die allgemein geistigen Bedeutungen nicht sogleicherkannt, und die entferntesten und heterogensten Parteien nicht ge-zwungen würden, pro oder contra Anteil zu nehmen. Vermögedieser Parteipolitik, die ich, weil ihre Interessen geistiger und ihreulkinms rackionss nicht von Metall sind, eine Geisterpolitik nenne,bilden sich jetzt, ebenso wie vermittelst der Staatenpvlitik, zwei großeMassen, die feindselig einander gegenüber stehen und mit Reden undBlicken kämpfen. Die Losungsworte und Repräsentanten dieser zweigroßen Parteimassen wechseln täglich, es fehlt nicht an Verwirrung,oft entstehen die größten Mißverständnisse, diese werden durch dieDiplomaten dieser Geisterpolitik, die Schriftsteller, eher vermehrt alsvermindert; doch, wenn auch die Köpfe irren, so fühlen die Gemüternichtsdestoweniger, was sie wollen, und die Zeit drängt mit ihrergroßen Aufgabe.

Was ist aber diese große Aufgabe der Zeit?

ES ist die Emnncipation. Nicht bloß die der Jrländer, Griechen,Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrücktenVolkes, sondern es ist die Emancipation der ganzen Welt, absonderlichEuropas, das mündig geworden ist, und sich jetzt losreißt von demeisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie. Mögenimmerhin einige philosophische Renegaten der Freiheit die feinstenKettcnschlüssc schmieden, um uns zu beweisen, daß Millionen Menschengeschaffen sind als Lasttiere einiger Tausend privilegierter Ritter; siewerden uns dennoch nicht davon überzeugen können, solange sie uns,wie Voltaire sagt, nicht nachweisen, daß jene mit Sätteln auf demRücken und diese mit Sporen an den Füßen zur Welt gekommen sind.

Jede Zeit hat ihre Aufgabe, und durch die Lösung derselbenrückt die Menschheit weiter. Die frühere Ungleichheit, durch dasFeudalsystem in Europa gestiftet, war vielleicht notwendig, oder not-wendige Bedingung zu den Fortschritten der Civilisation; jetzt aberhemmt sie diese, empört sie die eivilisierten Herzen. Die Franzosen,das Volk der Gesellschaft, hat diese Ungleichheit, die mit dem Prinzipder Gesellschaft am unleidlichsten kollidiert, notwendigerweise am