8 Reisebilber II,
Geiste jenes prosaisch wundersamen Helden, der die raffinierte Ge-schmacklosigkeit und blühende Verstandesfreiheit, das Seichte und daSTüchtige seiner Zeit, recht deutsch-tapfer in sich ausgebildet hatte.Potsdam z. B, erscheint uns als ein solches Denkmal, durch seineöden Straßen wandern wir wie durch die hinterlassenen Schriftwerkedes Philosophen von Sanssouci, es gehört zu dessen osnvrsL post-Irumss, und obgleich es jetzt nur steinerne Makulatur ist und desLächerlichen genug enthält, so betrachten wir es doch mit ernstemInteresse, und unterdrücken hie und da eine aufsteigende Lachlust, alsfürchteten wir, plötzlich einen Schlag auf den Rücken zu bekommen,wie von dem spanischen Röhrchen des alten Fritz. Solche Furchtaber befällt uns nimmermehr in Berlin, da fühlen nur, daß der alteFritz und sein spanisches Röhrchcn keine Macht mehr üben; dennsonst würde aus den alten, aufgeklärten Fenstern der gesunden Ver-nunftstadt nicht so manch krankes Obskürantengesicht herausglotzen,und so manch dummes, abergläubisches Gebäude würde sich nichtunter die alten skeptisch philosophischen Häuser eingesicdelt haben.Ich null nicht mißverstanden sein, und bemerke ausdrücklich, ich stichelehier keineswegs auf die neue Wcrdcrsche Kirche, jenen gotischen Domin verjüngtem Maßstäbe, der uns aus Ironie zwischen die modernenGebäude hingestellt ist, um allegorisch zu zeigen, wie läppisch undalbern es erscheinen würde, wenn man alte, längst untergegangeneInstitutionen des Mittelalters wieder neu aufrichten wollte unterden neuen Bildungen einer neuen Zeit.
Das oben Angedeutete gilt bloß von Berlins äußerlicher Er-scheinung, und wollte man in dieser Beziehung München damit ver-gleichen, so könnte man mit Recht behaupten, letzteres bilde ganz denGegensatz von Berlin. München nämlich ist eine Stadt, gebaut vondem Volke selbst, und zwar von aufeinander folgenden Generationen,deren Geist noch immer in ihren Bauwerken sichtbar, so daß mandort, wie in der Hcxenscenc des Macbeth, eine chronologische Geistcr-reihe erblickt, von dem dunkelroten Geiste des Mittelalters, der ge-harnischt aus gotischen Kirchenpfvrten hervortritt, bis auf den gebildetlichten Geist unserer eigenen Zeit, der uns einen Spiegel entgegenhält, worin jeder sich selbst mit Vergnügen anschaut. In dieserReihenfolge liegt eben das Versöhnende; das Barbarische empört unsnicht mehr, und das Abgeschmackte verletzt uns nicht mehr, wenn wires als Anfänge und notwendige Übergänge betrachten. Wir sindernst, aber nicht unmutig bei dem Anblick des barbarischen Doms,der sich noch immer in stiefelknechtlicher Gestalt über die ganze Stadterhebt und die Schatten und Gespenster des Mittelalters in seinemSchöße verbirgt. Mit ebensowenig Unmut, ja sogar mit spaßhafterRührung betrachten wir die haarbenteligen Schlösser der späterenPeriode, die plump deutschen Nachäffungen der glatt französischen