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6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
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Reise von München nach Genua. 7

gleichen geschieht zumeist aus purer Politik; denn ich weiß, sobaldich anfange, meine guten Berliner zu loben, so hat mein Ruhm beiihnen ein Ende, und sie zucken die Achsel und flüstern einander zu:Der Mensch wird sehr leicht, uns sogar lobt er. Keine Stadt hatnämlich weniger Lokalpatriotismus als Verlin. Tausend miserableSchriftsteller haben Berlin schon in Prosa und Versen gefeiert, undes hat in Berlin kein Hahn danach gekräht, und kein Huhn ist ihnendafür gekocht worden, und man hat sie unter den Linden immernoch für miserable Poeten gehalten, nach wie vor. Dagegen hatmau ebensowenig Notiz davon genommen, wenn irgend ein Ilster-Poet etwa in Parabasen auf Berlin losschalt. Wage es aber maljemand gegen Pöllwitz, Innsbruck, Schilda, Posen, Krahwinkel undandere Hauptstädte etwas Anzügliches zu schreiben! Wie würde sichder respektive Patriotismus dort regen! Der Grund davon ist!Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin giebt bloß den Ort dazuher, wo sich eine Menge Menschen, und zwar darunter viele Men-schen von Geist, versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist;diese bilden das geistige Berlin. Der durchreisende Fremde sieht nurdie langgestreckten, uniformen Häuser, die langen breiten Straßen,die nach der Schnur und meistens nach dein Eigenwillen eines ein-zelnen gebaut sind, und keine Kunde geben von der Denkweise derMenge. Nur Sonntagskinder vermögen etwas von der Privatgesin-nung der Einwohner zu erraten, wenn sie die langen Häuserreihenbetrachten, die sich, wie die Menschen selbst, voneinander fern zuhalten streben, erstarrend im gegenseitigen Groll. Nur einmal ineiner Mondnacht, als ich etwas spät von Lutter und Wcgener heim-kehrte, sah ich, wie jene harte Stimmung sich in milde Wehmut auf-gelöst hatte, wie die Häuser, die einander so feindlich gegenüber ge-standen, sich gerührt baufällig christlich anblickten, und sich versöhntin die Arme stürzen wollten, so daß ich armer Mensch, der in derMitte der Straße ging, zerquetscht zu werden fürchtete. Manchewerden diese Furcht lächerlich finden, und auch ich lächelte darüber,als ich nüchternen Blicks den andern Morgen durch eben jene Straßewanderte, und sich die Häuser wieder so prosaisch entgegen gähnten.Es sind wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nötig, wenn man inBerlin etwas anderes sehen will als tote Häuser und Berliner.Hier ist es schwer, Geister zu sehen. Die Stadt enthält so wenigNltertümlichkeit, und ist so neu; und doch ist dieses Nene schon soalt, so welk und abgestorben. Denn sie ist größtenteils, wie gesagt,nicht aus der Gesinnung der Masse, sondern einzelner entstanden.Der große Fritz ist wohl unter diesen wenigen der Vorzüglichste; waser vorfand, war nur feste Unterlage, erst von ihm erhielt die Stadtihren eigentlichen Charakter, und wäre seit seinem Tode nichts mehrdaran gebaut worden, so bliebe sie ein historische? Denkmal von dem