Komödien. 167
die lieblichen Kinder der Shakespeareschcn Komödie, zugegen warund ihnen die Stirn küßte. Sie hat wohl alle ihre Launen undGrillen und Schrullen in die jungen Köpfchen hineingeküßt, und daswirkte auch auf die Herzen. Wie bei den Mannern, so auch bei denWeibern in der Shakespcareschen Komödie ist die Leidenschaft ganzohne jenen furchtbaren Ernst, ganz ohne jene fatalistische Notwendig-keit, womit sie sich in den Tragödien offenbart. Anror trägt dort zwarebenfalls eine Binde und einen Köcher mit Pfeilen. Aber diese Pfeilesind dort weniger tödlich zugespitzt als buntbefiedert, und der kleine Gottschielt manchmal schalkhaft über die Binde hinweg. Auch die Flammenbrennen dort weniger als sie leuchten, aber Flammen sind es immer, undwie in den Tragödien des Shakespeare, so auch in seinen Komödien trägtdie Liebe ganz den Charakter der Wahrheit. Ja, Wahrheit ist immer dasKennzeichen Shakespearescher Liebe, gleichviel in welcher Gestalt sie er-scheint, sie mag sich Miranda nennen oder Julia oder gar Kleopatra.
Indem ich diese Namen eher zufällig als absichtlich zusammenerwähne, bietet sich mir die Bemerkung, daß sie auch die dreibedeutungsvollsten Typen der Liebe bezeichnen. Miranda ist dieRepräsentantin einer Liebe, welche ohne historische Einflüsse, alsBlume eines unbefleckten Bodens, den nur Geisterfüße betretendurften, ihre höchste Idealität entfalten konnte. Ariels Melodienhaben ihr Herz gebildet, und die Sinnlichkeit erschien ihr nie andersals in der abschreckend häßlichen Gestalt eines Kaliban. Die Liebe,welche Ferdinand in ihr erregt, ist daher nicht eigentlich naiv,sondern von seliger Treuherzigkeit, von urweltlicher, fast schauer-licher Reinheit. JuliaS Liebe trägt, wie ihre Zeit und Umgebung,einen mehr romantisch mittelalterlichen, schon der Renaissance ent-gegenbliiheuden Charakter; sie ist farbcnglänzend wie der Hof derScaliger, und zugleich stark wie jene edlen Geschlechter der Lombardei,die mit germanischem Blute verjüngt worden, und ebenso kräftigliebten, wie sie haßten. Julia repräsentiert die Liebe einer jugend-lichen, noch etwas rohen, aber unverdorbenen, gesunden Periode.Sie ist ganz durchdrungen von der Sinnenglut und von der Glaubens-stärke einer solchen Zeit, und selbst der kalte Moder der Totengruftkann weder ihr Vertrauen erschüttern, noch ihre Flamme dämpfen.Unsere Kleopatra, ach! sie repräsentiert die Liebe einer schonerkrankten Civilisation, einer Zeit, deren Schönheit schon abgewelkt,deren Locken zwar mit allen Künsten gekräuselt, mit allen Wvhldiiftengesalbt, aber auch mit manchem grauen Haar durchflochten sind,einer Zeit, die den Kelch, der zur Neige geht, um so hastiger leerenwill. Diese Liebe ist ohne Glauben und ohne Treue, aber darumnicht minder wild und glühend. Im ärgerlichen Bewußtsein, daßdiese Glut nicht zu dämpfen ist, gießt daS ungeduldige Weib nochÖl hinein und stürzt sich bacchantisch in die lodernden Flammen.