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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
165
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Komödien. 16ö

würde einbüßte. Bei solchem Zustand der Bühne und solcher Neigungdes Publikums, was konnte sich da als die eigentliche Komödie dar-bieten? Wie konnte letztere als besondere Gattung gelten und ihrenbestimmten NamenKomödie" sichren? Es gelang ihr, indem sie sichvon jenen Realitäten lossagte, wo ja doch die Grenzen ihres natür-lichen Gebietes weder geschützt noch anerkannt wurden. Diese Komödiebeschränkte sich nicht mehr auf die Darstellung bestimmter Sitten unddurchgeführter Charaktere; sie suchte nicht mehr die Dinge und dieMenschen unter einer zwar lächerlichen, aber wahren Gestalt zu schil-dern, sondern sie ward ein phantastisches und romantisches Geisteswerk,ein Zufluchtsort für alle jene ergötzlichen UnWahrscheinlichkeiten, welchedie Phantasie aus Trägheit oder Laune nur an einem dünnen Fadenzusammenreiht, um daraus allerlei bunte Verknüpfungen zu bilden,die uns erheitern und interessieren, ohne eben dem Urteil der Ver-nunft stand zu halten. Anmutige Gemälde, Überraschungen, heitereJntriguen, gereizte Neugier, getäuschte Erwartungen, Verwechslungen,witzige Aufgaben, welche Verkleidungen herbeiführen, das ward derStoff jener harmlosen, leicht zusammengewürfelten Spiele. Die Kvn-textur der spanischen Stücke, woran man in England Geschmack zufinden begann, lieferte diesen Spielen allerlei verschiedene Rahmenund Muster, die sich auch sehr gut anpassen ließen auf jene Chronikenund Balladen, auf jene französischen und italienischen Novellen, welchenebst den Ritterromanen eine Lieblingslektüre waren. Es ist be-greiflich, wie diese reiche Fundgrube und diese leichte Gattung die Auf-merksamkeit Shakespeares schon frühe auf sich zog. Man darf sichnicht wundern, daß seilte junge und glänzende Einbildungskraft sichgern in jenen Stoffen wiegte, wo sie, des strengen VernunftjocheSbar, auf Kosten der Wahrscheinlichkeit alle möglichen ernsten undstarken Effekte bereiten konnte. Dieser Dichter, dessen Geist und Handmit gleicher Rastlosigkeit sich bewegten, dessen Manuskripte fast keineSpur von Verbesserungen enthielten, er mußte sich gewiß mit be-sonderer Lust jenen ungezügelten und abenteuerlichen Spielen hingeben,worin er ohne Anstrengung alle seine verschiedenartigen Fähigkeitenentfalten durfte. Er keimte alles in seine Komödien hineinschütten,und, in der That, er goß alles hinein, ausgenommen was init einemsolchen Systeme ganz unverträglich war, nämlich jene logische Ver-knüpfung, welche jeden Teil des Stückes dem Zwecke des Ganzenunterordnet, und in jeder Einzelheit die Tiefe, Größe und Einheitdes Werks bekundet. In den Tragödien des Shakespeare findet manschwerlich irgend eine Konzeption, eine Situation, einen Akt derLeidenschaft, einen Grad des Lasters oder der Tugend, welchen mannicht ebenfalls in einer seiner Komödien wiederfände; aber was sichdort in die abgründlichste Tiefe erstreckt, was sich fruchtbar an er-schütternden Folgerungen erweist, was sich streng in eine Reihe von