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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
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164 Shakespeares Mädchen und Frauen.

durch eine zwar freie, aber aufmerksame Beobachtung des wirklichenWeltlebcns, und die Darstellung desselben auf der Bühne war ihreAufgabe. Die Unterscheidung einer komischen und einer tragischenGattung findet man schon im Beginn der Kunst, und mit der Aus-bildung derselben hat sich die Trennung beider Gattungen immer be-stimmter ausgesprochen. Sie trägt ihren Grund in den Dingen selbst.Die Bestimmung, wie die Natur des Menschen, seine Leidenschaftenund seine Geschäfte, der Charakter und die Ereignisse, alles in unsund um uns, hat sowohl seine ernsthafte wie spaßhafte Seite, undkann sowohl unter dem einen ivic dein andern Gesichtspunkte betrachtetund dargestellt werden. Diese Zwciseitigkeit des Menschen und derWelt hat der dramatischen Poesie zwei natürlichermaßen verschiedeneBahnen angewiesen; aber während sie die eine oder die andere zuihrem Tummelplatz erwählte, hat die Kunst sich dennoch nie von derBeobachtung und Darstellung der Wirklichkeit abgewendet. Mag Nristo-phanes mit unumschränkter Phantasiefreiheit die Laster und Thor-heiten der Athener geißeln; mag Molisre die Gebrechen der Leicht-gläubigkeit, des Geizes, der Eifersucht, der Pcdanterei, der adeligenHoffart, der bürgerlichen Eitelkeit und der Tugend selbst durchhecheln; was liegt daran, daß beide Dichter ganz verschiedene Gegenständebehandeln; daß der eine das ganze Volk, der andere hingegendie Vorfälle des Privatlebens, das Innere der Familien und dieLächerlichkeiten des Individuums auf die Bühne gebracht hat dieseVerschiedenheiten der komischen Stoffe ist eine Folge der Verschieden-heit der Zeit, des Ortes und der Civilisation . . . Aber dem Aristo-phancs wie dem Molisre dient die Realität, die wirkliche Welt immerals Boden ihrer Darstellungen. Es sind die Sitten und die Ideenihres Jahrhunderts, die Laster und Thvrheiten ihrer Mitbürger, über-haupt, es ist die Natur und das Leben der Menschen, was ihrepoetische Laune entzündet und erhält. Die Komödie entspringt daherans der Welt, welche den Poeten nmgiebt, und sie schmiegt sich noch vielenger als die Tragödie an die äußeren Thatsachcn der Wirklichkeit. . .

Nicht so bei Shakespeare. Zu seiner Zeit hatte in Englandder Stoff der dramatischen Kunst, Natur und Menschengeschick, nochnicht von den Händen der Kunst jene Unterscheidung und Klassi-fikation empfangen. Wenn der Dichter diesen Stoff für die Bühnebearbeiten wollte, so nahm er ihn in seiner Ganzheit, mit allen seinenBeimischungen, mit allen Kontrasten, die sich darin begegneten, undder Geschmack des Publikums geriet keineswegs in Versuchung, sichüber solches Verfahren zu beklagen. Das Komische, dieser Teil dermenschlichen Wirklichkeit, durfte sich überall hinstellen, wo die Wahr-heit seine Gegenwart verlangte oder duldete; und es war ganz imCharakter jener englischen Civilisation, daß die Tragödie, indem manihr solchermaßen das Komische beigesellte, keineswegs ihre Wnhrheits-