162 Shakespeares Mädchen und Frauen.
bleibt ihnen der Verstand stehen, und ihr Herz weiß keinen Bescheid,und es fehlt ihnen die geheimnisvolle Wünschelrute, deren bloße Be-rührung das Schloß sprengt. Da schauen sie mit verwundertenAugen "durch das goldene Gitter, und sehen, wie Ritter und Edel-franen, Schäfer und Schäferinnen, Narren und Weise unter denhohen Baumen einherwandeln; wie der Liebende und seine Geliebteim kühlen Schatten lagern und zärtliche Reden tauschen; wie dannund wann ein Fabeltier, etwa ein Hirsch mit silbernem Geweih,vorüber jagt, oder gar ein keusches Einhorn anS dem Busche springtund der schönen Jungfrau sein Haupt in den Schoß legt . . . Undsie sehen, wie ans den Bächen die Wasserfraucn mit grünem Haarund glänzenden Schleiern hcrvortanchcn, und wie Plötzlich der Blondaufgeht . . . Und sie hören dann, wie die Nachtigall schlägt . . .Und sie schütteln ihre klugen Köpfe über all das unbegreiflich närrischeZeug! Ja, die Sonne können die Franzosen allenfalls begreifen,aber nicht den Mond, und am allerwenigsten das selige schluchzenund melancholisch entzückte Trillern der Nachtigallen . . .
Ja, weder ihre empirische Bekanntschaft mit den menschlichenPassionen, noch ihre positive Weltkenntnis ist den Franzosen von einigem.Nutzen, wenn sie die Erscheinungen und Töne enträtseln wollen, dieihnen aus dem Zaubcrgarten der Shakcspeareschen Komödie entgegenglänzen und klingen . . . Sie glauben manchmal ein Menschengesichtzu sehen, und bei nähcrem Hinblick ist es eine Landschaft, und wassie für Augenbrauen hielten, war ein Haselbusch, und die Nase warein Felsen und der Mond eine kleine Quelle, wie wir dergleichenauf den bekannten Vexierbildern schauen . . . Und umgekehrt, ivasdie armen Franzosen für einen bizarr gewachsenen Baum oder wunder-lichen Stein ansahen, das präsentiert sich bei genauerer Betrachtungals ein wirkliches Mcnschengesicht von ungeheurem Ausdruck. Gelingtes ihnen etwa mit höchster Anstrengung des Ohres irgend ein Wechsel-gespräch der Liebenden, die im Schatten der Bäume lagern, zu be-lauschen, so geraten sie in noch größere Verlegenheit . . . Sie hörenbekannte Worte, aber diese haben einen ganz andern Sinn; und siebehaupten dann, diese Leute verstünden nichts von der flammendenLeidenschaft, von der großen Passion. Das sei witziges Eis, was sieeinander zur Erfrischung böten, nicht lodernder Liebestrunk . . .Und sie merkten nicht, daß diese Leute nur verkleidete Vögel sind,und in einer Kvtcriesprache konvergieren, die man nur im Traumeoder in der frühesten Kindheit erlernen kann . . . Aber amschlimmsten geht es dem Franzosen da draußen an den Gitterpfortender Shakespcareschen Komödie, wenn manchmal ein heiterer Westwindüber ein Blumenbeet jenes Zaubergartens dahinstreicht, und ihnen dieunerhörtesten Wohlgcrüchc in die Nase weht . . . „Was ist das?"
Die Gerechtigkeit verlangt, daß ich hier eines französischen Schrift-