Druckschrift 
4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
161
Einzelbild herunterladen
 

Komödien, 161

war ebenso thöricht wie ungerecht, Dumas hat freilich in seinenleidenschaftlichen Scenen hier und da etwa? dem Shakespeare entlehnt,aber unser Schiller that dieses mit noch weit kühnerem Zugriff, ohnedadurch irgend einem Tadel zu verfallen. Und gar Shakespeareselber, wieviel entlehnte er nicht seinen Vorgängern! Auch diesemDichter begegnete es, daß ein sauertöpfischer Pamphletist mit derBehauptung gegen ihn auftrat, „das beste seiner Dramen sei dmälteren Schriftstellern entwendet". Shakespeare wird bei dieser lächer-lichen Gelegenheit ein Rabe genannt, welcher sich mit dem fremdenGefieder des Pfauen geschmückt habe. Der Schwan von Avon schwiegund dachte vielleicht in seinem göttlichen Sinn: „Ich bin weder Rabenoch Pfau!" und wiegte sich sorglos auf den blauen Fluten derPoesie, manchmal hinnuflächelnd zu den Sternen, den goldenen Ge-danken des Himmels,

Des Grafen Alfred de Vigny muß hier ebenfalls Erwähnunggeschehen. Dieser Schriftsteller, des englischen Idioms kundig, be-schäftigte sich am gründlichsten mit den Werken des Shakespeare,übersetzte einige derselben mit großem Geschick, und dieses Studiumübte auch auf seine Originnlarbeiten den günstigsten Einfluß, Beidem feinhörigen und scharfäugigen Kunstsinn, den man dem Grafende Vigny zuerkennen muß, darf man annehmen, daß er den GeistShakespeares tiefer behorcht und beobachtet habe, als die meistenseiner Landsleute, Aber das Talent dieses Mannes, wie auch seineDenk- und Gefühlsart, ist auf das Zierliche und Miniaturmäßigegerichtet, und seine Werke sind besonders kostbar durch ihre aus-gearbeitete Feinheit, Ich kann mir's daher wohl denken, daß ermanchmal verblüfft stehen blieb vor jenen ungeheuren Schönheiten,die Shakespeare gleichsam aus den gewaltigsten Granitblöcken derPoesie ausgehauen hat ... Er betrachtete sie gewiß mit ängstlicherBewunderung, gleich einem Goldschmied, der in Florenz jene kolossalenPforten des Baptisterii anstarrt, die, einem einzigen Metallguß ent-sprungen, dennoch zierlich und lieblich, wie ciselicrt, ja wie die feinsteBijouterie-Arbeit aussehen.

Wird es den Franzosen schon schwer genug, die TragödienShakespeares zu verstehen, so ist ihnen das Verständnis seiner Komödienfast ganz versagt. Die Poesie der Leidenschaft ist ihnen zugänglich;auch die Wahrheit der Charakteristik können sie bis auf einen gewissenGrad begreifen, denn ihre Herzen haben brennen gelernt, das Pas-sionierte ist so recht ihr Fach, und mit ihrem analytischen Verständewissen sie jeden gegebenen Charakter in seine feinsten Bestandteilezu zerlegen, und die Phasen zu berechnen, worin er jedesmal ge-raten wird, wenn er mit bestimmten Weltrealitätcn zusammenstößt.Aber im Zaubergartcn der Shakespearcschcn Komödie ist ihnen alldieses Erfahrungswissen von wenig Hilfe, Schon an der PforteHellie's Werke. IV, Vd. 11