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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
160
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I KO Shakespeares Mädchen und Frauen.

Hugo sei das Gespenst eines englischen Poeten ans der Blütezeit derElisabeth, ein toter Dichter, der verdrießlich dem Grabe entstiegen,nm in einein andern Lande und in einer andern Periode, wo ervor der Konkurrenz des großen William gesichert, einige posthumeWerke zu schreiben. In der That, Victor Hugo mahnt mich an Leutewie Marlow, Decker, Heywovd u. s. w., die in Sprache und Manierihrem großen Zeitgenossen so ähnlich waren, und nur seinen Tief-blick und Schönheitssinn, seine furchtbare und lächelnde Grazie, seineoffenbarende Naturseudung entbehrten . . . lind ach! zu den Mängelneines Marlow, Decker, und Heywovd gesellt sich bei Victor Hugonoch das schlimmste Entbehrnis: es fehlt ihm das Leben. Jene littenan kochender überfülle, an wildester Bollblütigkeit, und ihr poetischesSchaffen war geschriebenes Atmen, Jauchzen und Schluchzen; aberVictor Hugo, bei aller Verehrung, die ich ihm zolle, ich muß es ge-stehen, hat etwas Verstorbenes, Unheimliches, Spukhaftes, etwasgrabentstiegen BamPirischcS ... Er weckt nicht die Begeisterung inunseren Herzen, sondern er saugt sie heraus ... Er versöhnt nichtunsere Gefühle durch poetische Verklärung, sondern er erschreckt siedurch widerwärtiges Zerrbild ... Er leidet an Tod und Häßlichkeit.

Eine junge Dame, die mir sehr nahe steht, äußerte sich jüngstüber diese Häßlichkeitssucht der Hngoschen Muse mit sehr treffendenWorten. Sie sagte nämlich: Die Muse des Victor Hugo mahntmich an das Märchen von der wunderlichen Prinzessin, die nur denhäßlichsten Mann heiraten wollte, und in dieser Absicht im ganzenLande das Aufgebot ergehen ließ, daß sich alle Junggesellen vonausgezeichneter Mißbildung an einem gewissen Tage vor ihrem Schlosseals Ehekandidaten versammeln sollten ... Da gab's nun freilicheine gute Auswahl von Krüppeln und Fratzen, und man glaubtedas Personal eines Hugoschen Werkes vor sich zu sehen . . . AberQuasimodo führte die Braut nach Hanse.

Nach Victor Hugo muß ich wieder des Alexander Dumas er-wähnen ; auch dieser hat dem Verständnis des Shakespeare in Frank-reich mittelbar vorgearbeitet. Wenn jener durch Extravaganz imHäßlichen die Franzosen daran gewöhnte, im Drama nicht bloß dieschöne Drapierung der Leidenschaft zu suchen, so bewirkte Dumas,daß seine Landsleute an dem natürlichen Ausdruck der Leidenschaftgroßen Gefallen gewannen. Aber ihm galt die Leidenschaft als dasHöchste, und in seinen Dichtungen usurpierte sie den Platz der Poesie.Dadurch freilich wirkte er desto mehr auf der Bühne, ^r gewöhntedas Publikum in dieser Sphäre, in der Darstellung der Leiden-schaften, an die größten Kühnheiten des Shakespeare; und wer ein-mal an „Heinrich III." und „Richard Darlington" Gefallen fand, klagtenicht mehr über Geschmacklosigkeit im „Othello" und „Richard III."Der Vorwurf des Plagiats, den man ihm einst anheften wollte,