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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
159
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Komödien. 153

inwohnenden Werte, sondern wegen des momentanen Vorteils, denihre Sache durch solche Anpreisung und Feier gewinnen kann; undso geschieht es, daß sie heute emporrühmen, was sie morgen wiederherabwürdigen müssen, und umgekehrt. Shakespeare ist seit zehn Jahrenin Frankreich für die Partei, welche die litterarische Revolution durch-kämpft, ein Gegenstand der blindesten Anbetung. Aber ob er beidiesen Männern der Bewegung eine wirkliche gewissenhafte An-erkennung, oder gar ein richtiges Verständnis gefunden hat, ist diegroße Frage. Die Franzosen sind zu sehr die Kinder ihrer Mütter,sie haben zu sehr die gesellschaftliche Lüge mit der Ammenmilch ein-gesogen, als daß sie dein Dichter, der die Wahrheit der Natur iujedem Worte atmet, sehr viel Geschmack abgewinnen oder gar ihn ver-stehen könnten. Es herrscht freilich bei ihren Schriftstellern seit einigerZeit ein unbändiges Streben nach solcher Natürlichkeit; sie reißensich gleichsam verzweiflungsvoll die konventionellen Gewänder vomLeibe, und zeigen sich in der schrecklichsten Nacktheit. . . Aber irgendein modischer Fetzen, welcher ihnen dennvch immer anhängen bleibt,giebt Kunde von der überlieferten Unnatur, und entlockt dem deutschenZuschauer ein ironisches Lächeln. Diese Schriftsteller mahnen michimmer an die Kupferstiche gewisser Romane, wo die unsittlichenLiebschaften des achtzehnten Jahrhunderts abkonterfeit sind, und, trotzdein paradiesischen Naturkostüme der Herren und Damen, jene ihreZopsperücken, diese ihre Tnrmfrisuren und ihre Schuhe mit hohenAbsätzen beibehalten haben.

Nicht durch direkte Kritik, sondern indirekt durch dramatischeSchöpfungen, die dem Shakespeare mehr oder minder nachgebildetsind, gelangen die Franzosen zu einigem Verständnis des großenDichters. Als ein Vermittler in dieser Weise ist Victor Hugo ganzbesonders zu rühmen. Ich will ihn hiermit keineswegs als bloßenNachahmer des Briten im gewöhnlichen Sinne betrachtet wissen.Victor Hugo ist ein Genius von erster Größe, und bewunderungs-würdig ist sein Flug und seine Schöpferkraft; er hat das Bild undhat das Wort; er ist der größte Dichter Frankreichs; aber sein Pegasushegt eine krankhafte Scheu vor den brausenden Strömen der Gegen-wart und geht nicht gern zur Tränke, wo das Tageslicht in denfrischen Fluten sich abspiegelt . . . vielmehr unter den Ruinen derVergangenheit sucht er zu seiner Erlabuug jene verschollenen Quellen,wo einst das hohe Flügelroß des Shakespeare seinen unsterblichenDurst gelöscht hat. Ist es nun, weil jene alten Quellen, halb-vcrschüttet und übermovrt, keinen reinen Trunk mehr bieten: genug,Victor Hugos dramatische Gedichte enthalten mehr den trüben Moderals den belebenden Geist der altenglischen Hippvkrene, es fehlt ihnendie heitere Klarheit und die harmonische Gesundheit. . . und ich mußgestehen, zuweilen erfaßt mich der schauerliche Gedanke, dieser Victor