152 Shakespeares Mädchen und Frauen.
Julia (Die beiden Veronescr. Akt IV, Scenc IV).
Julia. Ob viele Fraun Wahl brächten svlche Botschaft?Ach, armer Proteus! einen Fuchs hast duZum Hirten deiner Lämmer angenommen.
Ach, arme Thörin! du bedauerst ihn,
Der so von ganzem Herzen dich verachtet!
Weil er sie liebt, so schätzt er mich gering;
Weil ich ihn liebe, muß ich ihn bedauern.
Bei unserin Abschied gab ich ihm den Ring,
Zu fesseln die Erinnrung meiner Liebe.
Nun werd' ich — UngliickSbote! — hingesandt,
Das zu erflehn, was ich nicht wünschen kann;
Zu fordern, was ich gern verweigert sähe;
Die Treu' zu preisen, die ich tadeln muß!
Ich bin die treue Liebe meines Herrn,
Doch kann ich treu nicht dienen meinem Herrn,
Will ich mir selber kein Verräter sein.
Zwar will ich für ihn werben, doch so kalt,
Als, weiß es Gott! es hätte keine Eil'.
Silvia (Die beiden Veroneser. Akt IV, Scene IV).
Silvia. — Jüngling! da du so
Dein Fräulein liebst, verehr' ich dir dies Geld.
Gehab dich wohl! lSie geht ab.)
Julia. Wenn du sie je erkennst, sagt sie dir Dank.Ein tugendhaftes Mädchen, mild und schön!
Ich hoffe, kalt empfängt sie meinen Herrn,
Da meines Fräuleins Liebe sie so ehrt.
Wie Liebe mit sich selber tändelt! — Ach,
Hier ist ihr Bild. Ich will doch sehn. Mich dünkt,
Mein Antlitz wäre — hätt' ich solchen Schmuck —
Gewiß so reizend als ihr Angesicht.
Und doch der Maler schmeichelt ihr ein wenig,
Wenn ich mir selbst zu viel nicht schmeicheln mag;
Ihr Haar ist braun, mein Haar vollkommen gelb.
Ist dieses seines Leichtsinns einz'ger Grund,
So schmück' ich mich mit falschem, braunem Haar.
Ihr Aug' ist grau wie Glas; so ist auch meins.
Ja, doch die Stirn ist niedrig, meine hoch.
Was kann's nur sein, was er an ihr so schätzt,
An mir ich ihn nicht schätzend machen kann?