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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
149
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Tragödien, 149

welcher sich sonderbarerweise bei diesen Leuten findet, denen dachdie Lehre Christi ganz fremd geblieben ist!

Indem ich, nach dein alten Shylock umhersptthend, all die blassen,leidenden Judengesichter aufmerksam musterte, machte ich eine Ent-deckung, die ich leider nicht verschweigen kann. Ich hatte nämlichdenselben Tag das Irrenhaus San Carlo besucht, und jetzt in derSynagoge siel es mir ans, daß in dem Blick der Juden derselbesatalc, halb stiere, halb unstete, halb Pfiffige, halb blöde Glanzflimmerte, welchen ich kurz vorher in den Augen der Wahnsinnigenzu San Carlo bemerkt hatte. Dieser unbeschreibliche, rätselhafteBlick zeugte nicht eigentlich von Geistesabwesenheit, als vielmehr vonder Oberherrschaft einer fixen Idee, Ist etwa der Glaube an jenenanßerweltlichen Donnergott, den Moses aussprach, zur fixen Ideeeines ganzen Volks geworden, das, trotzdem daß man es seit zweiJahrtausenden in die Zwangsjacke steckte und ihm die Dusche gab,dennoch nicht davon ablassen will gleich jenem verrückten Advokaten,den ich in San Carlo sah, und der sich ebenfalls nicht ausredenließ, daß die Sonne ein englischer Käse sei, daß die Strahlen der-selben ans lauter roten Würmern bestünden, und daß ihm ein solcherherabgeschossener Wnrmstrahl das Hirn zerfresse?

Ich null hiermit keineswegs den Wert jener fixen Idee bestreiten,sondern ich will nur sagen, daß die Träger derselben zu schwach sind,um sie zu beherrschen, und davon niedergedrückt und inkurabel werden.Welches Martyrium haben sie schon um dieser Idee willen erduldet!welches größere Martyrium steht ihnen noch bevor! Ich schauderebei diesem Gedanken, und ein unendliches Mitleid rieselt mir durchsHerz. Während des ganzen Mittelalters bis zum heutigen Tagstand die herrschende Weltanschauung nicht in direktem Widerspruchmit jener Idee, die Moses den Inden aufgebürdet, ihnen mit heiligenRiemen angeschnallt, ihnen ins Fleisch eingeschnitten hatte; ja, vonChristen und Mohammedanern unterschieden sie sich nicht wesentlich,unterschieden sie sich nicht durch eine entgegengesetzte Synthese, sondernnur durch Auslegung und Schibboleth, Aber siegt einst Satan, dersündhafte Pantheismus, vor welchem uns sowohl alle Heiligen des Altenund Neuen Testaments als auch des Korans bewahren mögen, sozieht sich über die Häupter der armen Juden ein Verfvlgnngs-gewitter, das ihre früheren Erdnldnngen noch weit überbieten wird . , ,

Trotzdem daß ich in der Synagoge von Venedig nach allenSeiten nmhersptthte, konnte ich das Antlitz des Shylock nirgendserblicken. Und doch war es mir, als halte er sich dort verborgenunter irgend einem jener weißen Talare, inbrünstiger betend alsseine übrigen Glaubensgenossen, mit stürmischer Wildheit, ja mitRaserei hinansbetend zum throne Jehovahs, des harten Gottkönigs!Ich sah ihn nicht. Aber gegen Abend, wo nach dem Glauben der