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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
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148 Shakespeares Mädchen und Frauen.

wandeln und über Liebesrätsel sinnen, und inmitten aller Herrlich-keit Signora Porzia, gleich einer Göttin, hervorglttnzt,

Das sonnige Haar die Schlaf' umwallend.

Durch solchen Kontrast werden die beiden Hauptpersonen desDramas so individualisiert, daß man darauf schwören möchte, esseien nicht Phantasicbildcr eines Dichters, sondern wirkliche, wcib-gebvrene Menschen. Ja, sie erscheinen uns noch lebendiger, als diegewöhnlichen Natnrgeschöpfe, da weder Zeit noch Tod ihnen etwasanhaben kann, und in ihren Adern das unsterblichste Blut, dieewige Poesie, pulsiert. Wenn du nach Venedig kommst und denDogenpalast durchwandclst, so weißt du sehr gut, daß du weder imSaal der Senatoren noch auf der Riesentreppe dem Marino Falieribegegnen wirst; an den alten Dandolo wirst du im Arsenalezwar erinnert, aber ans keiner der goldenen Galeeren wirst du denblinden Helden suchen; siehst du an einer Ecke der Straße Santaeine Schlange in Stein gehaneu, und an der andern Ecke dengeflügelten Löwen, welcher das Haupt der Schlange in der Tatzehält, so kommt dir vielleicht der stolze Carmagnole in den Sinn,doch nur auf einen Augenblick. Aber weit mehr als an alle solchehistorische Personen denkst du zu Venedig an Shakespeares Shylvck,der immer noch lebt, während jene im Grabe längst vermodert sind, und wenn du über den Rialto steigst, so sucht ihn dein Augeüberall, und du meinst, er müsse dort hinter irgend einem Pfeilerzu finden sein, mit seinem jüdischen Rockelor, mit seinem mißtrauischberechnenden Gesicht, und du glaubst manchmal sogar seine kreischendeStimme zu hören:Dreitausend Dukaten gut!"

Ich wenigstens, wandelnder Traumjäger, wie ich bin, ich sahmich auf dem Rialto überall um, ob ich ihn irgend fände, denShhlock. Ich hätte ihm etwaS mitzuteilen gehabt, was ihm Ver-gnügen machen konnte, daß z. B. sein Better, Herr von Shhlock zuParis, der mächtigste Baron der Christenheit geworden, und vonIhrer katholischen Majestät jenen Jsabellenordcn erhalten hat, welchereinst gestiftet ward, um die Vertreibung der Inden und Maurenaus Spanien zu verherrlichen. Aber ich bemerkte ihn nirgends aufdem Rialto, und ich entschloß mich daher, den alten Bekannten inder Synagoge zu suchen. Die Juden feierten hier eben ihren heiligenVersvhnungstag und standen eingewickelt in ihren weißen Schaufäden-Talaren, mit unheimlichen Kopfbcwcgungen, fast aussehend wie eineVersammlung von Gespenstern. Die armen Juden, sie standendort, fastend und betend, vom frühesten Morgen, hatten seit demVorabend weder Speise noch Trank zu sich genommen, und hattenauch vorher alle ihre Bekannten um Verzeihung gebeten für etwaigeBeleidigungen, die sie ihnen im Laufe des Jahres zugefügt, damitihnen Gott ebenfalls ihre Sünden verzeihe, ein schöner Gebrauch,