Tragödien. 147
umgeben; von Kindheit an hat sie eine mit Wohlgerüchcn undSchmeicheldüftcn durchwürzte Lnft geatmet. Daher eine gebieterischeAnmnt, eine vornehme, hehre Zierlichkeit, ein Geist der" Pracht inallem, was sie thut und sagt, als die von Geburt an mit demGlänze Vertraute. Sie wandelt einher wie in Marmorpalästen,unter goldverzierten Decken, auf Fußböden von Ccdcr und Mosaiken,von Jaspis und Porphyr, in Gärten mit Standbildern, Blumenund Quellen nnd geisterartig flüsternder Musik. Sie ist voll ein-dringender Weisheit, unverfälschter Zärtlichkeit und lebhaften WitzeS.Da sie aber nie Mangel, Gram, Furcht oder Mißerfolg gekannt, sohat ihre Weisheit keinen Zug von Düsterheit oder Trübheit; all ihreRegungen sind mit Glauben, Hoffnung, Freude versetzt und ihrWitz ist nicht im mindesten böswillig oder beißend."
Obige Worte entlehne ich einem Werke der Frau Jamcson,welches „Moralische, poetische und historische Frauen-Charaktere" be-titelt. Es ist in diesem Buche nur von Shakespeareschcn Weiberndie Rede, und die angeführte Stelle zeugt von dem Geiste der Ver-fasserin, die wahrscheinlich von Geburt eine Schottin ist. Was sieüber Porzia im Gegensatz zu Shylock sagt, ist nicht bloß schön,sondern auch wahr. Wollen wir letzteren, in üblicher Auffassung, alsden Repräsentanten des starren, ernsten, kunstfeindlichen Judäasbetrachten, so erscheint uns dagegen Porzia als die Repräsentantinfener Nachblüte deS griechischen Geistes, welche von Italien aus imsechzehnten Jahrhundert ihren holden Duft über die Welt verbreitete,und welche wir heute noch unter dem Namen „die Renaissance"lieben und schätzen. Porzia ist zugleich die Repräsentantin desheiteren Glückes im Gegensatze zu dem düsteren Mißgeschick, welchesShylock repräsentiert. Wie blühend, wie rosig, wie reinklingend istall ihr Denken und Sprechen, wie freudewarm sind ihre Worte, wieschön alle ihre Bilder, die meistens der Mythologie entlehnt sind!Wie trübe, kneifend und häßlich sind dagegen die Gedanken und Redendes Shylock, der im Gegenteil nur alttestamentalische Gleichnissegebraucht! Sein Witz ist krampfhaft nnd ätzend, seine Metaphernsucht er unter den widerwärtigsten Gegenständen, und sogar seineWorte sind zusammengequetschte Mißlaute, schrill, zischend undqnirrcnd. Wie die Personen, so ihre Wohnungen. Wenn wir sehen,wie der Diener Jehovahs weder ein Abbild Gottes noch des Menschen,des erschaffenen Konterfei Gottes, in seinem „ehrbaren Hause" duldet,und sogar die Ohren desselben, die Fenster, verstopft, damit die Tönedes heidnischen Mummenschanzes nicht hineindringcn in sein „ehr-bares Haus" ... so sehen wir im Gegenteil das kostbarste undgeschmackvollste Villcggiatura-Leben in dem schönen Palazzo zuBelmvnt, wo lauter Licht und Musik, wo unter Gemälden, marmornenStatuen und hohen Lorbeerbäumen die geschmückten Freier lust
Ig*