146 Shakespeares Mädchen und Frauen.
wahren Gesichte hervor, und dieses Gesicht trägt keine düstere fanatischeMönchSmienc, sondern die schlaffen aufgeklärten Züge eines Krämers,der sich ängstigt, im Handel und Wandel von dem israelitischen Ge-schäftsgeist überflügelt zu werden.
„Aber ist es die Schuld der Juden, daß sich dieser Geschäftsgeistbei ihnen so bedrohlich entwickelt hat? Die Schuld liegt ganz anjenem Wahnsinn, womit man im Mittelalter die Bedeutung der In-dustrie verkannte, den Handel als etwas Unedles und gar die Geld-geschäfte als etwas Schimpfliches betrachtete, und deshalb den ein-träglichsten Teil solcher Industriezweige, namentlich die Geldgeschäfte,in die Hände der Juden gab; so daß diese, ausgeschlossen von allenandern Gewerben, notwendigerweise die raffiniertesten Kaufleutc undBankiers werden mußten. Man zwang sie reich zu werden, nnd haßtesie dann wegen ihres Reichtums; und obgleich jetzt die Christenheitihre Vorurteile gegen die Industrie aufgegeben hat, und die Christenin Handel und Gewerbe ebenso große Spitzbuben und ebenso reichwie die Juden geworden sind, so ist dennoch au diesen letzteren dertraditionelle Bolkshaß haften geblieben, das Volk sieht in ihnen nochimmer die Repräsentanten des Geldbesitzers und haßt sie. Sehen Sie,in der Weltgeschichte hat jeder recht, sowohl der Hammer als der Amboß."
Porzia (Der Kaufmann von Venedig).
„Wahrscheinlich wurden alle Kuustrichler von Shylocks erstaun-lichem Charakter so geblendet nnd befangen, daß sie ihrerseits Porziaihr Recht nicht widerfahren ließen, da doch ausgemacht ShylocksCharakter in seiner Art nicht kunstreicher, noch vollendeter ist alsPorzias in der ihrigen. Die zwei glänzenden Figuren sind beideehrenwert—wert, zusammen in dein reichen Bann bezaubernderDichtung und prachtvoller, anmutiger Formen zu stehen. Nebendem schrecklichen, unerbittlichen Juden, gegen seine gewaltigenSchatten durch ihre Glauzlichter abstechend, hängt sie wie einprächtiger, schöuheitatmender Tizian neben einem herrlichen Rembrandt.
„Porzia hat ihr gehöriges Teil von den angenehmen Eigen-schaften, die Shakespeare über viele seiner weiblichen Charaktere aus-gegossen; neben der Würde aber, der Süßigkeit und Zärtlichkeit,welche ihr Geschlecht überhaupt auszeichnen, auch noch ganz eigen-tümliche, besondere Gaben: hohe geistige Kraft, begeisterte Stimmung,entschiedene Festigkeit und allem abschwellende Munterkeit. Diesesind angeboren; sie hat aber noch andere ausgezeichnete äußerlichereEigenschaften, die ans ihrer Stellung und ihren Bezügen hervor-gehen. So ist sie Erbin cineS sürstlichen Namens und unberechen-baren Reichtums; ein Gefvlg dienstwilliger Lustbarkeiten hat sie stets