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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
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145
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Tragödien. 143

licrcn, und statt der Sache trifft sein Grvll gewöhnlich die Persvn,den unschuldigen Sündcnbock zeitlicher oder örtlicher Mißverhältnisse.Das Volk leidet Mangel, es fehlen ihm die Mittel znm Lebensgenuß,und obgleich ihm die Priester der Staatsreligion versichern, daß manntif Erden sei, um zu entbehren und trotz Hnnger und Durst derObrigkeit zu gehorchen" so hat doch das Volk eine geheime Sehn-sucht nach den Mitteln des Genusses, und es haßt diejenigen, in derenKisten und Kasten dergleichen aufgespeichert liegt : es haßt die Reichenund ist froh, wenn ihm die Religion erlaubt, sich diesem Hasse mitvollem Gemüte hinzugeben. Das gemeine Volk haßte in den Indenimmer nur die Geldbesitzer, es war immer das aufgehäufte Metall,welches die Blitze seines Zornes auf die Juden herabzog. Der jedeS-wcilige Zeitgeist lieh nun immer jenem Hasse seine Parole. ImMittelalter trug diese Parole die düstere Farbe der katholischen Kirche,und man schlug die Juden tot und plünderte ihre Häuser,weil sieChristus gekreuzigt" ganz mit derselben Logik, wie auf St. Domingoeinige schwarze Christen zur Zeit der Massakre mit einem Bilde desgekreuzigten Heilands herumliefen und fanatisch schrieen: Pos Planesband tus, tuons nous los Planes!

Mein Freund, Sie lachen über die armen Neger; Ich versichereSie, die westindischen Pflanzer lachten damals nicht, und wurden nieder-gemetzelt zur Sühne Christi, wie einige Jahrhunderte früher dieeuropäischen Juden. Aber die schwarzen Christen auf St. Domingohatten in der Sache ebenfalls recht! Die Weißen lebten müßig inder Fülle aller Genüsse, während der Neger im Schweiße seinesschwarzen Angesichts für sie arbeiten mußte, und zum Lohne nur einbißchen Reisniehl und sehr viele Peitschenhiebe erhielt; die Schwarzenwaren das gemeine Volk.

Wir leben nicht mehr im Mittelalter, auch das gemeine Volkwird aufgeklärter, schlägt die Juden nicht mehr auf einmal tot, undbeschönigt seinen Haß nicht mehr mit der Religion; unsere Zeit istnicht mehr so naiv glanbensheiß, der traditionelle Groll kleidet sichin moderne Redensarten, und der Pöbel in den Bierstuben wie inden Deputicrtenkammern deklamiert wider die Juden mit nierkau-tilischen, industriellen, wissenschaftlichen oder gar philosophischen Argu-menten. Nur abgefeimte Heuchler geben noch heute ihrem Hasse einereligiöse Färbung und verfolgen die Juden um Christi willen; diegroße Menge gesteht offenherzig, daß hier materielle Interessen zuGrunde liegen, und sie will den Inden durch alle möglichen Mitteldie Ausübung ihrer industriellen Fähigkeiten erschweren. Hier tuFrankfurt z. B. dürfen jährlich nur vierundzwanzig Bekenner desmosaischen Glaubens heiraten, damit ihre Population nicht zunimmtund für die christlichen Handelsleute keine allzustarke Konkurrenz er-zengt wird. Hier tritt der wirkliche Grund des Judenhasses mit seinem

He ine's Werte. IV. Bd. Ig