144 Shakespeares Mädchen und Frauen.
waren; sie hat einen tieferen Grnnd, und beide Völker sind sich nrsprünglich so ähnlich, daß man das ehemalige Palästinn für einorientalisches Deutschland ansehen könnte, wie man das heutigeDeutschland für die Heimat des heiligen Wortes, für den Mntter-boden dcS Prvphetentnms, für dieBnrg der reinen Geistheit halten sollte.
Aber nicht bloß Deutschland trägt die Physiognomie Palästinas,sondern auch daS übrige Europa erhebt sich Zu denJndcn. Ich sage erhebtsich, denn die Inden trugen schon im Beginne das moderne Prinzip insich, welches sich heute erst bei den europäischen Völkern sichtbar entfaltet.
Griechen und Römer hingen begeistert an dem Boden, an demVaterlande. Die späteren nordischen Einwanderer in die Römer- undGriechcnwelt hingen an der Person ihrer Häuptlinge, und an dieStelle des antiken Patriotismus trat im Mittelalter die Vasallcntrcnc,die Anhänglichkeit an die Fürsten. Die Inden aber, von jeher, hingennur an dein Gesetz, an dem abstrakten Gedanken, wie unsere neuerenkosmopolitischen Republikaner, die weder das Geburtsland noch diePerson der Fürsten, sondern die Gesetze als das höchste achten. Ja,der Kosmopolitismus ist ganz eigentlich dem Boden Judäas ent-sprossen, und Christus, der trotz dem Mißmnte des früher erwähntenHamburger Spczereihttndlers ein wirklicher Jude war, hat ganzeigentlich eine Propaganda des Weltbürgertums gestiftet. Was denRepnblikanismns der Juden betrifft, so erinnere ich mich im Joscphusgelesen zu haben, daß es zu Jerusalem Republikaner gab, die sich denköniglich gesinnten Hervdianern entgegensetzten, am mutigsten sachten,niemandem den Namen „Herr" gaben, und den römischen Absolutismusaufs ingrimmigste haßten; Freiheit und Gleichheit war ihre Religion.Welcher Wahn!
Was ist aber der letzte Grund jenes Hasses, den wir in Europazwischen den Anhängern der mosaischen Gesetze und der Lehre Christibis ans heutigen Tag gewahren, und wovon uns der Dichter,indem er das allgemeine im besonderen veranschaulichte, im „Kauf-mann von Venedig" ein schauerliches Bild geliefert hat? Ist es derursprüngliche Brnderhaß, den wir schon gleich nach Erschaffung derWelt ob der Verschiedenheit des Gottesdienstes zwischen Kain undAbel entlodern sehen? Oder ist die Religion überhaupt nur Borwand,und die Menschen hassen sich, um sich zu hassen, wie sie sich lieben,um sich zu lieben? Auf welcher Seite ist die Schuld bei diesem Groll?Ich kann nicht umhin, zur Beantwortung dieser Frage eine Stelle anseinem Privatbriefc mitzuteilen, die auch die Gegner Shhlvcks justifiziert:
„Ich verdamme nicht den Haß, womit das gemeine Volk dieJuden verfolgt: ich verdamme nur die unglückseligen Irrtümer, diejenen Haß erzeugten. Das Volk hat immer recht in der Sache,seinem Hasse wie seiner Liebe liegt immer ein ganz richtiger Instinktzu Grunde, nur weiß es nicht, seine Empfindungen richtig zu form»