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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
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143
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Tragödien. 143

War' irgend wer vom Stamm, des Barnabas

Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!

Diese Stelle, dieses leise Wort begründet das Verdammungs-nrteil, welches wir über die schöne Jessika aussprechen müssen. Eswar kein liebloser Vater, den sie verließ, den sie beraubte, den sieverriet. . . . Schändlicher Verrat! Sie macht sogar gemeinschaftlicheSache mit den Feinden Shylocks, und wenn diese zu Bclmont aller-lei Mißreden über ihn führen, schlägt Jessika nicht die Augen nieder,erbleichen nicht die Lippen Jcssikas, sondern Jessika spricht von ihremVater daS schlimmste. . . . Entsetzlicher Frevel! Sic hat kein Ge-müt, sondern abenteuerlichen Sinn. Sie langweilte sich in demstreng verschlossenenehrbaren" Hanse dieses bittcrmütigen Inden,das ihr endlich eine Holle dünkte. Das leichtfertige Herz ward all-zusehr angezogen von den heiteren Tönen der Trommel und dergnergehalstcn Pfeife. Hat Shakespeare hier eine Jüdin schildernwollen? Wahrlich, nein, er schildert nur eine Tochter Evas, einenjener schönen Vögel, die, wenn sie flügge geworden, aus dem väter-lichen Neste fortflattern zu den geliebten Männchen. So folgteDesdemona dem Mohren, so Jmogen dem Postumns. Das ist weib-liche Sitte. Bei Jessika ist besonders bemerkbar eine gewisse zagendeScham, die sie nicht überwinden kann, wenn sie Knabentracht an-legen soll. Vielleicht in diesem Zuge möchte man jene sonderbareKeuschheit erkennen, die ihrem. Stamme eigen ist, und den Töchterndesselben einen so wunderbaren Reiz verleiht. Die Keuschheit derJuden ist vielleicht die Folge einer Opposition, die sie von jeher gegenjenen orientalischen Sinnen- und Sinnlichkeitsdienst bildeten, dereinst bei ihren Nachbarn, den Ägyptern, Phöniciern, Assyrern undBabylvnicrn in üppigster Blüte stand, und sich in beständiger Trans-formation bis ans heutigen Tag erhalten hat. Die Juden sind einkeusches, enthaltsames, ich möchte fast sagen: abstraktes Volk, undin der Sittenrcinheit stehen sie am nächsten den germanischen Stämmen.Die Züchtigkeit der Frauen bei Inden und Germanen ist vielleicht vonkeinem absoluten Werte, aber in ihrer Erscheinung macht sie den lieb-lichsten, anmutigsten und rührendsten Eindruck. Rührend bis zumWeinen ist es, wenn z. B. nach derNiederlage derCimbern nndTeutonendie Frauen derselben den Marius anflehen, sie nicht seinen Soldaten,sondern den Priesterinnen der Vesta als Sklavinnen zu übergeben.

Es ist in der That auffallend, welche innige Wahlverwandtschaftzwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Ger-manen, herrscht. Diese Wahlverwandtschaft entstand nicht auf histo-rischem Wege, weil etwa die große Familien-Chronik der Juden, dieBibel, der ganzen germanischen Welt als Erziehnngsbuch diente,auch nicht weil Inden und Germanen von früh an die nnerbitülichsten Feinde der Römer, und also auch natürliche Bundesgenossen