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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
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135
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Tragödien. 135

sie zweimal das furchtbarste Erdbeben des Gemütes überstehen könnte.Betrachtet Julie! Wäre sie imstande, zum zweiten Maie die über-schwenglichen Seligkeiten nnd Schrecknisse zu ertragen, zum zweitenMale, aller Angst Trotz bietend, den schauderhaften Kelch zu leeren?Ich glaube, sie hat genug am ersten Male, diese arme Glückliche,dieses reine Opfer der großen Passion.

Julie liebt zum ersten Male, und liebt mit voller Gesundheitdes Leibes und der Seele. Sie ist vierzehn Jahre alt, was inItalien so viel gilt wie siebzehn Jahre nordischer Währung. Sie isteine Rosenknospe, die eben vor unseren Augen von Romeos Lippenaufgeküßt ward, und sich in jugendlicher Pracht entfaltet. Sie hatweder aus weltlichen noch aus geistlichen Büchern gelernt, was Liebeist; die Sonne hat es ihr gesagt, und der Mond hat es ihr wieder-holt, und wie ein Echo hat es ihr Herz nachgesprochen, als sie sich nächt-lich unbelauscht glaubte. Aber Romeo stand unter dein Ballone undhat ihre Reden gehört, und nimmt sie beim Wort. Der Charakterihrer Liebe ist Wahrheit nnd Gesundheit. Das Mädchen atmet Ge-sundheit und Wahrheit, und es ist rührend anzuhören, wenn sie sagt:

Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht,

Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen

Um das, was du vorhin mich sagen hörtest.

Gern hielt' ich streng auf Sitte, möchte gern

Verleugnen, was ich sprach doch weg mit Förmlichkeit!

Sag, liebst du mich? Ich weiß, du wirst's bejahn,

Und will dem Worte traun; doch wenn du schwörst,

So kannst du treulos werden; wie sie sagen,

Lacht Jupiter des Meineids der Verliebten.

O holder Romeo, wenn du mich liebst,

Sag's ohne Falsch! Doch dächtest du, ich sei

Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken,

Will widerspenstig sein und nein dir sagen,

So du dann werben willst sonst nicht um alles,

Gewiß, mein Montague, ich bin zu herzlich;

Du könntest denken, ich sei leichten Sinns.

Doch glaube, Mann, ich werde treuer sein

Als sie, die fremd zu thun geschickter sind.

Auch ich, bekenn' ich, hätte fremd gethan,

Wär' ich von dir, eh' ich's gewahrte, nicht

Belauscht in Liebesklagen. Drnm vergieb!

Schilt diese Hingebung nicht Flatterliebe,

Die so die stille Nacht verraten hat!