Druckschrift 
4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

136 Shakespeare? Mädchen und Zranen.

Dcsdrmvnn (Othello).

Ich habe oben beiläufig angedeutet, daß der Charakter desRomeo etwas Hamletsches enthalte. In der That, ein nordischerErnst wirft seine Streifschatten über dieses glühende Gemüt. Ver-gleicht man Julie mit Desdemona, so wird ebenfalls in jener einnordisches Element bemerkbar: bei aller Gewalt ihrer Leidenschaftbleibt sie doch immer ihrer selbst bewußt, und im klarsten Selbst-bewußtsein Herrin ihrer That. Julie liebt und denkt und handelt.Desdemona liebt und fühlt und gehorcht, nicht dem eigenen Willen,sondern dem stärkeren Antrieb. Ihre Vvrtrefflichkeit besteht darin,daß das Schlechte ans ihre edle Natur keine solche ZwangSmachtausüben kann wie das Gute. Sie wäre gewiß immer im Palazzoihres Vaters geblieben, ein schüchternes Kind, den häuslichen Ge-schäften obliegend: aber die Stimme des Mohren drang in ihr Ohr,und obgleich sie die Augen niederschlug, sah sie doch sein Antlitz inseinen Worten, in seinen Erzählungen, oder wie sie sagt:in seinerSeele" . . . und dieses leidende, großmütige, schöne, weiße Seelen-antlitz übte auf ihr Herz den unwiderstehlich hinreißenden Zauber.Ja, er hat recht, ihr Vater, Seine Wohlweisheit der Herr SenatorBrabantio: eine mächtige Magie war schuld daran, daß sich dasbange zarte Kind zn dem Mohren hingezogen fühlte und jene häßlichschwarze Larve nicht fürchtete, welche der große Haufe für das wirk-liche Gesicht Othellos hielt . . .

Julias Liebe ist thätig, Desdcmonas Liebe ist leidend. Sie istdie Sonnenblume, die selber nicht weiß, daß sie immer dem hohenTagesgestirn ihr Haupt zuwendet. Sie ist die wahre Tochter desSüdens, zart, empfindsam, geduldig, wie jene schlanken, großäugigenFraueulichter, die aus saltskritischen Dichtungen so lieblich, so sauft, soträumerisch hervorstrahlen. Sie mahnt mich immer an die Saknn-tala des Kalidasa, des indischen Shakespeare.

Der englische Kupferstecher, dem wir das vorstehende Bildnisder Desdemona verdanken, hat ihren großen Augen vielleicht einenzu starken Ausdruck der Leidenschaft verliehen. Aber ich glaubebereits angedeutet zu haben, daß der Kontrast des Gesichtes und desCharakters immer einen interessanten Reiz ausübt. Jedenfalls aberist dieses Gesicht sehr schön, und namentlich dem Schreiber dieserBlätter muß es sehr gefallen, da es ihn an jene hohe Schöneerinnert, die gottlob! au sciuem eigenen Antlitz nie sonderlichgemäkelt hat und dasselbe bis jetzt nur in seiner Seele sah . . .Ihr Vater liebte mich, lud oft mich ein.

Er fragte die Geschichte meines LebensVon Jahr zu Jahr; Belagerungen, SchlachtenUnd jedes Schicksal, das ich überstand.

Ich lief sie durch, von meinem Knabenalter