Tragödien. 133
so lernen wir auch den Charakter der Töchter schon in der Expositions-scene kennen, nnd namentlich rührt uns schon gleich die schwcigsaineZärtlichkeit Cvrdelias, der modernen Antigene, die an Innigkeit dieantike Schwester noch übertrifft. Ja, sie ist ein reiner Geist, wie esder König erst im Wahnsinn einsieht. Ganz rein? Ich glaube, sieist ein bißchen eigensinnig, nnd dieses Fleckchen ist ein Batermal,Aber wahre Liebe ist sehr verschämt nnd haßt allen Wortkram; siekann nur weinen und verbluten. Die wehmütige Bitterkeit, womitCordelia auf die Heuchelei der Schwestern anspielt, ist von der zar-testen Art, nnd trägt ganz den Charakter jener Ironie, deren sichder Meister aller Liebe, der Held des Evangeliums, zuweilen be-diente, Ihre Seele entladet sich des gerechtesten Unwillens nnd offen-bart zugleich ihren ganzen Adel in den Worten:
Fürwahr, nie Heirat' ich wie meine Schwestern, um bloß meinenVater zu lieben.
Jtilic (Romeo und Julie),
In der That, jedes Shakespcarcsche Stück hat sein besonderesKlima, seine bestimmte Jahreszeit nnd seine lokalen Eigentümlich-keiten, Wie die Personen in jedem dieser Dramen, so hat auch derBoden nnd der Himmel, der darin sichtbar wird, eine besonderePhysiognomie, Hier, in „Romeo nnd Julie", sind wir über dieAlpen gestiegen und befinden uns plötzlich in dem schönen Garten,welcher Italien heißt , , ,
Kennst du das Land, Ivo die Citrvnen blühn,Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn? —
Es ist das sonnige Verona, welches Shakespeare zum Schau-platze gewählt hat für die Großthaten der Liebe, die er in „Romeound Julie" verherrlichen wollte. Ja, nicht das benannte Menschen-Paar, sondern die Liebe selbst ist der Held in diesem Drama, Wirsehen hier die Liebe jugendlich übermütig auftreten, allen feindlichenVerhältnissen Trotz bietend, nnd alles besiegend , , , Denn siefürchtet sich nicht, in dem großen Kampfe zu dem schrecklichsten abersichersten Bundesgenossen, dem Tode, ihre Zuflucht zu nehmen,Liebe im Bündnisse mit dem Tode ist unüberwindlich, Liebe! Sieist die höchste und siegreichste aller Leidenschaften, Ihre welt-bezwingcnde Stärke besteht aber in ihrer schrankenlosen Großmut, inihrer fast übersinnlichen Uneigennützigkcit, in ihrer aufopfernngs-,süchtigen LebcnSverachtung, Für sie giebt es kein Gestern und siedenkt an kein Morgen , . . Sie begehrt nur des heutigen Tages,aber diesen verlangt sie ganz, unverkürzt, unvcrkümmert , , , Sicwill nichts davon aufsparen für die Zukunft und verschmäht dieaufgewärmten Reste der Vergangenheit , , , „Vor mir Nacht,