Druckschrift 
4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
131
Einzelbild herunterladen
 

Tragödien,

die alte Tragödie von Hamlet dem Dänen, welcher die arme Ophelialiebte, weit mehr liebte als tausend Brüder mit ihrer Gesamtliebe siezu lieben vermochten, und welcher verrückt wurde, weil ihm der Geistseines Vaters erschien, und weil die Welt aus ihren Angeln gerissenwar und er sich zu schwach fühlte, um sie wieder einzufügen, undweil er im deutschen Wittenberg vor lauter Denken das Handeln ver-lernt hatte, und weil ihm die Wahl stand, entweder wahnsinnig zuwerden oder eine rasche That zu begehen, und weil er als Menschüberhaupt große Anlagen zur Tollheit in sich trug.

Wir kennen diesen Hamlet wie wir unser eigenes Gesicht kennen,das wir so oft im Spiegel erblicken, und das uns dennoch wenigerbekannt ist, als man glauben sollte; denn begegnete uns jemand ansder Straße, der ganz so aussähe wie wir selber, so würden wir dasbefremdlich wohlbekannte Antlitz nur instiuktmäßig und mit geheimemSchreck anglotzen, ohne jedoch zu merken, daß es unsere eigenen Gesichts-züge sind, die wir eben erblickten.

Cvrdelia (König Lear).

In diesem Stücke liegen Fußangeln und Sclbstschüsse für denLeser, sagt ein englischer Schriftsteller. Ein anderer bemerkt, dieseTragödie sei ein Labyrinth, worin sich der Kommentator verirren undam Ende Gefahr laufen könne, von dem Minvtanr, der dort haust,erwürgt zu Vierden; er möge hier das kritische Messer nur zur Selbst-verteidigung gebrauchen. Und in der That, es ist jedenfalls einemißliche Sache, den Shakespeare zu kritisieren, ihn, aus dessen Wortenuns beständig die schärfste Kritik unserer eigenen Gedanken und Hand-lungen entgcgenlacht: so ist es fast unmöglich, ihn in dieser Tragödiezu beurteilen, wo sein Genius bis zur schwindligsten Höhe sichemporschwang.

Ich wage mich nur bis an die Pforte dieses Wnnderbancs, nurbis zur Exposition, die schon gleich unser Erstaunen erregt. Die Ex-positionen sind überhaupt in Shakespeares Tragödien bewunderungs-würdig. Durch diese ersten Eingangs-Scenen werden wir schon gleichans unseren Wcrkcltagsgefiihlen und Znnftgedanken herausgerissen,und in die Mitte jener ungeheuren Begebenheiten versetzt, womit derDichter unsere Seelen erschüttern und reinigen will. So eröffnetsich die Tragödie des Macbeth mit der Begegnung der Hexenund der weissagende Spruch derselben unterjocht nicht bloß das Herzdes schottischen Feldherrn, den wir siegestrunken auftreten sehen,sondern auch unser eigenes Zuschanerherz, das jetzt nicht mehr los-kann, bis alles erfüllt und beendigt ist. Wie inMacbeth" daswüste, sinnebctanbende Grauen der blutigen Zanberwclt schon imBeginn uns erfaßt, so iiberfröstclt uns der Schauer des bleichen

g*