Tragödien. 129
daß sie ihren Mann sehr liebte, nnd überhaupt ein liebevolles Ge-müt besäße. Diese Meinung suchte bald darauf Herr Ludwig Tieckmit all seiner Wissenschaft, Gelahrtheit und philosophischen Tiefe zuunterstützen, und es dauerte nicht lange, so sahen mir Madame Stichauf der königlichen Hofbühne in der Rolle der Lady Macbeth so ge-fühlvoll girren nnd tnrteltänbcln, daß kein Herz in Berlin vor solchenZärtlichkeitStöncn ungerührt blieb, nnd manches schöne Auge vonThränen überfloß beim Anblick der jnten Macbeth. — Das geschah,wie gesagt, vor etwa zwölf Jahren in jener sanften Nestanrationszeit,wo wir so viel Liebe im Leibe hatten. Seitdem ist ein großer Bankrottausgebrochen, nnd wenn nur jetzt mancher gekrönten Person nichtdie überschwengliche Liebe widmen, die sie verdient, so sind Leutedaran schuld, die, wie die Königin von Schottland, während derRestanrationS-Pcriode unsere Herzen ganz ansgebeutclt haben.
Ob man in Deutschland die Liebenswürdigkeit der besagten Lädstnoch immer verficht, weiß ich nicht. Seit der Julinsrevvlntionhaben sich jedoch die Ansichten in vielen Dingen geändert, nnd manhat vielleicht sogar in Berlin einsehen lernen, daß die jnte Macbetheine sehr bese Bestie sint.
Ophelia (Hamlet).
Das ist die arme Ophelia, die Hamlet der Dane geliebt hat.Es war ein blondes schönes Mädchen, nnd besonders in ihrer Sprachelag ein Zauber, der mir schon damals das Herz rührte, als ich nachWittenberg reisen wollte nnd zu ihrem Bater ging, um ihm Lebe-wohl zu sagen. Der alte Herr war so gütig, mir alle jene gutenLehren, wovon er selber so wenig Gebrauch machte, ans den Wegmitzugeben, nnd zuletzt rief er Ophclieu, daß sie uns Wein bringezum ÄbschiedStrunk. Als das liebe Kind sittsam und anmutig mitdem Kredenztcllcr zu mir herantrat, und daS strahlend große Augegegen mich aufhob, griff ich in der Zerstreuung zu einem leeren stattzu einem gefüllten Becher. Sie lächelte über meinen Mißgriff. IhrLächeln war schon damals so wundersam glänzend, es zog sich überihre Lippen schon jener berauschende Schmelz, der wahrscheinlich vonden Kußelfcn herrührte, die in den Mundwinkeln lauschten.
Als ich von Wittenberg heimkehrte und das Lächeln Opheliasmir wieder entgcgenleuchtete, vergaß ich darüber alle Spitzfindigkeitender Scholastik nnd mein Nachgrübeln betraf nur die holden Fragen cWas bedeutet jenes Lächeln? Was bedeutet jene Stimme, jener ge-heimnisvoll schmachtende Flötcntvn? Woher empfangen jene Augenihre seligen Strahlen? Ist es ein Abglanz des .Himmels, oder er-glänzt der Himmel nur von dem Wiederschein dieser Augen? Stehtjenes Lächeln im Zusammenhang mit der stummen Musik des Sphäreu-Heinc'S Werke. IV. Bd. 9