Druckschrift 
4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
126
Einzelbild herunterladen
 

I2g Shakespeares Mädchen und Frauen,

will, Trotz ihrer wohleingeübtcn christlichen Demut, geriet sie dachjedesmal in einen fast heidnischen Zorn, wenn man einen Verstos;gegen die herkömmliche Etikette machte oder gar ihr den königlichenTitel verweigerte. Bis in den Tod bewahrte sie diesen unauslösch-baren Hochmut, und auch bei Shakespeare sind ihre letzten Worte-,

Ihr sollt mich balsamieren, dann zur SchauAusstellen, zwar entkönigt, doch begrabt michAls Königin und eines KönigS Tochter.

Ich kann nicht mehr!

Anna Bullen.

(König Heinrich VIII,)

Die gewöhnliche Meinung geht dahin, daß König Heinrichs Ge-wissensbisse ob seiner Ehe mit Katharinen durch die Reize der schönenAnna entstanden seien. Sogar Shakespeare verrät diese Meinung,und wenn in dem Krönungszng die neue Königin austritt, legt ereinem jungen Edelmann folgende Worte in den Mund:

Gott sei mit dir!

Solch süß Gesicht als deins erblickt' ich nie!

Bei meinem Leben, Herr, sie ist ein Engel,

Der König hält ganz Indien in den Armen,

Und viel, viel mehr, wenn er dies Weib umfängt;

Ich tadle fein Gewissen nicht.

Von der Schönheit der Anna Bullen gicbt uns der Dichter auchin der folgenden Seene einen Begriff, wo er den Enthusiasmusschildert, den ihr Anblick bei der Krönung hervorbrachte.

Wie sehr Shakespeare seine Gebieterin, die hohe Elisabeth, liebte,zeigt sich vielleicht am schönsten in der Umständlichkeit, womit er dieKrönnngsfeier ihrer Mutter darstellt. Alle diese Details sanktionierendas Thronrecht der Tochter, und ein Dichter wußte die bestritteneLegitimität seiner Königin dem ganzen Publikum zu veranschaulichen.Aber diese Königin verdiente solchen Liebeseifer! Sie glaubte ihrerKönigswürde nichts zu vergeben, wenn sie dem Dichter gestattete, alleihre Vorfahren, und sogar ihren eigenen Bater, mit entsetzlicher Un-parteilichkeit auf der Bühne darzustellen! Und nicht bloß als Königin,sondern auch als Weib wollte sie nie die Rechte der Poesie beein-trächtigen; wie sie unserem Dichter in Politischer Hinsicht die höchsteRedefreiheit gewährte, so erlaubte sie ihm auch die kecksten Worte ingeschlechtlicher Beziehung, sie nahm keinen Anstoß an den aus-gelassensten Witzen einer gesunden Sinnlichkeit, und sie, Urs inaiciangussn, die königliche Jungfrau, verlangte sogar, daß Sir John Falstaff