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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
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Tragödien. 125

alle Macht seines Genius aufgeboten, die gute Frau zu verherrlichen,doch diese Bemühung wird vereitelt, wenn man sieht, daß Dr. John-son, der große Porterkrng, bei ihrem Anblick in süßes Entzückengerät und von Lobeserhebungen überschäumt. Wär' sie meine Frau,ich könnte mich von ihr scheiden lassen ob solcher Lobeserhebungen.Vielleicht war es nicht der Liebreiz von Anna Bullen, was denarmen König Heinrich von ihr losriß, sondern der Enthusiasmus,womit sich irgend ein damaliger Dr. Johnson über die treue, würde-volle und fromme Katharina aussprach. Hat vielleicht ThomasMorus, der bei all seiner Vvrtrefflichkeit etwas pedantisch und ledernund unverdaulich wie Dr. Johnson war, zu sehr die Königin in denHimmel erhoben? Dem wackeren Kanzler freilich kam sein Enthu-siasmus etwas teuer zu stehen; der König erhob ihn deshalb selbstin den Himmel.

Ich weiß nicht, was ich am meisten bewundern soll: daß Katha-rina ihren Gemahl ganze fünfzehn Jahre lang ertrug, oder daßHeinrich seine Gattin während so langer Zeit ertragen hat? Der Königwar nicht bloß sehr launenhaft, jähzornig und in beständigem Wider-spruch mit allen Neigungen seiner Frau Das findet sich in vielenEhen, die sich trotzdem, bis der Tod allem Zank ein Ende macht,aufs beste erhalten aber der König war auch Musiker und Thev-log, und beides in vollendeter Miscrabilität. Ich habe unlängst alsergötzliche Kuriosität einen Choral von ihm gehört, der ebenso schlechtwar "wie sein Traktat eis sepism saorainentis. Er hat gewiß mitseinen musikalischen Kompositionen und seiner theologischen Schrift-stellerei die arme Frau sehr belästigt. Das beste an Heinrich warsein Sinn für plastische Kunst, und aus Vorliebe für das Schöneentstanden vielleicht seine schlimmsten Sympathien und Antipathien.Katharina von Arragonicn war nämlich noch hübsch in ihrem vicr-undzwanzigsten Jahre, als Heinrich achtzehn Jahr alt war und sieheiratete, obgleich sie die Witwe seines Bruders gewesen. Aber ihreSchönheit hat wahrscheinlich mit den Jähren nicht zugenommen, um somehr, da sie ans Frömmigkeit mit Geißelung, Fasten, Nachtwachen undBctrübungen ihr Fleisch beständig kasteite. Über diese asketischen Übungenbeklagte sich ihr Genialst oft genug, und auch uns wären dergleichenan einer Frau sehr fatal gewesen.

Aber es giebt noch einen andern Umstand, der mich in meinemVorurteil gegen diese Königin bestärkt: Sie war die Tochter derJsabella von Kastilien und die Mutter der blutigen Maria. Wassoll ich von dem Baume denken, der solcher bösen Saat entsprossen,und solche böse Frucht gebar?

Wenn sich auch in der Geschichte keine Spuren ihrer Grausam-keit vorfinden, so tritt dennoch der wilde Stolz ihrer Rasse bei jederGelegenheit hervor, wo sie ihren Rang vertreten oder geltend machen