124 Shakespeares Mädchen und Frauen.
Lady Anna.
(König Richard III.)
Die Gunst der Frauen, wie das Glück überhaupt, ist ein freiesGeschenk, mau empfängt es, ohne zu wissen wie, ahne zu wissen warum.Aber es giebt Menschen, die es mit eisernem Willen vom Schicksal zuertrotzen verstehen, und diese gelangen zum Ziele, entweder durchSchmeichelei, oder indem sie den Weibern Schrecken einflößen, oderindem sie ihr Mitleiden anregen, oder indem sie ihnen Gelegenheitgeben, sich aufzuopfern . . . Letzteres, nämlich das Geopfertsein, istdie Lieblingsrolle der Weiber, und kleidet sie so schön vor den Leuten,nnd gewährt ihnen auch in der Einsamkeit so viel thränenreiche Weh-mntsgenüsse.
Lady Anna wird durch alles dieses zu gleicher Zeit bezwungen. WieHonigsenn gleiten die Schmeichelwvrte von den furchtbaren Lippen ...Richard schmeichelt ihr, derselbe Richard, welcher ihr alle Schrecken derHölle einflößt, welcher ihren geliebten Gemahl und den väterlichenFreund getötet, den sie eben zu Grabe bestattet... Er befiehlt denLeichcnträgern mit herrischer Stimme, den Sarg niederzusetzen, undin diesem Moment richtet er seine Liebeswerbung an die schöne Leid-tragende . . . Das Lamm sieht schon mit Entsetzen das Zähneflctschendes Wolfes, aber dieser spitzt plötzlich die Schnauze zu den süßestenSchmeicheltönen . . . Die Schmeichelei des Wolfes wirkt so erschütternd,so berauschend auf das arme Lammgemüt, daß alle Gefühle darineine plötzliche Umwandlung erleiden. . . . Und König Richard sprichtvon seinem Kummer, von seinem Gram, so daß Anna ihm ihr Mit-leid nicht versagen kann, um so mehr, da dieser wilde Mensch nichtsehr klagesüchtig von Natur ist . . . Und dieser unglückliche Mörderhat Gewissensbisse, spricht von Reue, und eine gute Frau könnte ihnvielleicht ans den besseren Weg leiten, wenn sie sich für ihn aufopfernwollte . . . Und Anna entschließt sich, Königin von England zu werden.
Königin Katharina.
(König Heinrich VIII.)
Ich hege ein unüberwindliches Vorurteil gegen diese Fürstin,welcher ich dennoch die höchsten Tugenden zugestehen muß. Als Ehe-frau war sie ein Muster häuslicher Treue. Als Königin betrug siesich mit höchster Würde und Majestät. Als Christin war sie dieFrömmigkeit selbst. Aber den Doktor Samuel Johnson hat sie zumüberschwenglichsten Lobe begeistert, sie ist unter allen ShakespeareschenFrauen sein auserlesener Liebling, er spricht von ihr mit Zärtlich-keit und Rührung . . . Das ist nicht zu ertragen. Shakespeare hat