122 Shakespeares Mädchen und Frauen.
daß man, wie ein englischer Schriftsteller bemerkt, manchmal meinensollte, er sei während seines ganzen Lebens der Kanzler des Königsgewesen, den er in irgend einem Drama agieren läßt. Für die Wahr-heit seiner Schilderungen bürgt nach meinem Bedünkcn anch diefrappante Ähnlichkeit, welche sich zwischen seinen alten Königen undjenen Königen der Jetztzeit knnd giebt, die wir als Zeitgenossen ambesten zu beurteilen vermögen.
Was Friedrich Schlegel von dem Geschichtschreiber sagt, gilt ganzeigentlich von unserem Dichter: Er ist ein in die Vergangenheitschauender Prophet. Wäre es mir erlaubt, einem der berühmtestenunserer gekrönten Zeitgenossen den Spiegel vorzuhalten, so würdejeder einsehen, daß ihm Shakespeare schon vor zwei Jahrhundertenseinen Steckbrief ausgefertigt hat. In der That, beim Anblick diesesgroßen, vortrefflichen und gewiß auch glorreichen Monarchen über-schlcicht uns ein gewisses Schauergefnhl, das wir zuweilen empfinden,wenn wir im wachen Tageslichte einer Gestalt begegnen, die wir schonin nächtlichen Träumen erblickt haben. Als wir ihn vor acht Jahrendurch die Straßen der Hauptstadt reiten sahen, „barhäuptig unddemütig nach allen Seiten grüßend", dachten wir immer an die Worte,womit Dort des Bolingbrokes Einzug in London schildert. SeinVetter, der neuere Richard II., kannte ihn sehr gut, durchschaute ihnimmer und äußerte einst ganz richtig:
Wir selbst und Bushh, Bagot hier und Green
Sahn sein Beiverben beim geringen Volk,
Wie er sich wollt' in ihre Herzen tauchen
Mit traulicher, demüt'ger Höflichkeit;
Was für Verehrung er an Knechte wegwarf,
Handwerker mit des Lächelns Kunst gewinnend
Und ruhigem Ertragen seines Loses,
Als wollt' er ihre Neigung mit verbannen.
Vor einem Austerweib zieht er die Mütze,
Ein paar Karrcnzieher grüßten: „Gott gcleit' euch!"
Und ihnen ward des schmeid'gcn Knies Tribut,
Nebst: „Dank, Landsleute! meine güt'gen Freunde!"
Ja, die Ähnlichkeit ist erschreckend. Ganz wie der ältere, entfaltetesich vor unseren Augen der heutige Bolingbroke, der nach dem Sturzeseines königlichen Vetters den Thron bestieg, sich allmählich daraufbefestigte: ein schlauer Held, ein kriechender Riese, ein Titan der Ver-stellung, entsetzlich, ja empörend ruhig, die Tatze in einem sammctenHandschuh, und damit die öffentliche Meinung streichelnd, den Raubschon in weiter Ferne erspähend, und nie darauf losspringend, biser in sicherster Nähe. . . Möge er immer seine schnaubenden Feindebesiegen und dem Reiche den Frieden erhalten, bis zu seiner Todes-