Tragödien. 121
bindern eben durch ihr Übermaß Vvn Ritterlichkeit unterliegen mußten.Das war bei Crecy, wo die Franzosen schöner erscheinen durch ihreNiederlage, als die Engländer durch ihren Sieg, den sie in nn-rittcrlicher Weise durch Fußvolk erfochten . . . Bisher war der Kriegnur ein großes Turnier Vvn ebenbürtigen Reitern; aber bei Crecywird diese romantische Kavallerie, diese Poesie, schmählich nieder-geschossen von der modernen Infanterie, von der Prosa in streng-stilisierter Schlachtordnung, ja, hier kommen sogar die Kanonen zumVorschein . . . Der greise Böhmenkönig, welcher, blind und alt, alsein Vasall Frankreichs dieser Schlacht beiwohnte, merkte wohl, daßeine neue Zeit beginne, daß es mit dem Rittertum zu Ende sei, daßkünftig der Mann zu Roß von dem Mann zu Fuß überwältigtn>erde, und er sprach zu seinen Rittern: „Ich bitte euch angelegent-lichst, führt mich so weit ins Treffen hinein, daß ich noch einmalmit einem guten Schwertstreich dreinschlagen kann!" Sie gehorchtenihm, banden ihre Pferde an das seinige, jagten mit ihm in daswildeste Getümmel, und des andern Morgens fand man sie alle totauf den Rücken ihrer toten Pferde, welche noch immer zusammen-gebunden waren. Wie dieser Böhmenkönig und seine Ritter, so fielendie Franzosen bei Crecy, bei Poitiers; sie starben, aber zu Pferde.Für England war der Sieg, für Frankreich war der Ruhm. Ja,sogar durch ihre Niederlagen wissen die Franzosen ihre Gegner in.den Schatten zu stellen. Die Triumphe der Engländer sind immereine Schande der Menschheit, seit den Tagen von Crecy und Poitiersbis auf Waterloo. Kliv ist immer ein Weib, trotz ihrer parteilosenKälte ist sie empfindlich für Ritterlichkeit und Heldensiun; und ichbin überzeugt, nur mit knirschendem Herzen verzeichnet sie in ihreDenktafeln die Siege der Engländer.
Lady Gray.
(König Heinrich VI. Dritter Teil.)
Sie war eine arme Witwe, welche zitternd vor König Eduardtrat und ihn anflehte, ihren Kindern das Gütchen zurückzugeben, dasnach dem Tode ihres Gemahls den Feinden anheimgefallen war. Derwollüstige König, welcher ihre Keuschheit nicht zu kirren vermag, wirdso sehr von ihren schönen Thränen bezaubert, daß er ihr die Kroneaufs Haupt setzt. Wieviel Kümmernisse für beide dadurch entstanden,meldet die Weltgeschichte.
Hat Shakespeare wirklich den Charakter des erwähnten Königsganz treu nach der Historie geschildert? Ich muß wieder auf die Be-merkung zurückkommen, daß er verstand, die Lakuucn der Historiezu füllen. Seine Kvnigscharnktere sind immer so wahr gezeichnet,