Druckschrift 
4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
120
Einzelbild herunterladen
 

120 Shakespeares Mädchen und Frauen.

Im Mittelalter war der Engländer ungefähr was er jetzt ist:zu stark genährt, angetrieben zum Handeln, und kriegerisch in Er-manglung einer industriellen Beschäftigung.

England, obgleich Ackerbau und Viehzucht treibend, fabriziertenoch nicht. Die Engländer lieferten den rohen Stoff: andere wußtenihn zu bearbeiten. Die Wolle war auf der einen Seite des Kanalsjder Arbeiter war auf der andern Seite. Während die Fürsten strittenund haderten, lebten doch die englischen Viehhändler und flämischenTuchfabrikantcn in bester Einigkeit, im unzerstörbarsten Bündnis.Die Franzosen, welche dieses Bündnis brechen wollten, mußten diesesBeginnen mit einem hundertjährigen Kriege büßen. Die englischenKönige wollten zwar die Eroberung Frankreichs, aber das Volk ver-langte nur Freiheit des Handels, freie Einfuhrplätze, freien Marktfür die englische Wolle. Versammelt um einen großen Wollsack,hielteil die Kommunen Rat über die Forderungen des Königs, undbewilligten ihm gern hinlängliche Hilfsmittel und Armeen.

Eine solche Mischung von Industrie und Chevalcrie verleihtdieser ganzen Geschichte ein wunderliches Ansehen. Jener Eduard,welcher auf der Tafelrunde einen stolzen Eid geschworen hat, Frank-reich zu.erobern, jene gravitätisch närrischen Ritter, welche infolgeihres Gelübdes ein Auge mit rotem Tuch bedeckt tragen, sie sind dochkeine so großen Narren, als daß sie auf eigene Kosten ins Feld zögen.Die fromme Einfalt der Kreuzfahrten ist nicht mehr an der Zeit.Diese Ritter sind im Grunde doch nichts anderes als käufliche Söldner,als bezahlte Handelsagenten, als bewaffnete Commis Vvyageurs derLondoner und Genter Kaufleute. Eduard selbst muß sich sehr ver-bürgern, muß allen Stolz ablegen, muß den Beifall der Tuchhändlcr-und Webergilde erschmeicheln, muß seinem Gevatter, dem BierbrauerArtevelde, die Hand reichen, muß auf den Schreibtisch eines Vieh-händlers steigen, um das Volk anzureden.

Die englischen Tragödien des vierzehnten Jahrhunderts habensehr komische Partien. In den nobelsten Rittern steckte immer etwasFalstaff. In Frankreich, in Italien, in Spanien, in den schönenLändern des Südens, zeigen sich die Engländer ebenso gefräßig wietapfer. Das ist Herkules der Ochsenverschlinger. Sie kommen, imwahren Sinne des Wortes, um das Land aufzufressen. Aber dasLand übt Wiedervergeltnng, und besiegt sie durch seine Früchte undWeine. Ihre Fürsten und Armeen übernehmen sich in Speis' undTrank, und sterben an Indigestionen und Dysenterie."

Mit diesen gedungenen Fraßhelden vergleiche man die Franzosen,das mäßigste Volk, das weniger durch seine Weine berauscht wird,als vielmehr durch seinen angeborenen Enthusiasmus. Letzterer warimmer die Ursache ihrer Mißgeschicke, und so sehen wir schon in derMitte des vierzehnten Jahrhunderts, wie sie im Kampfe mit den Eng-