118 ShcikspcareZ Mädchen und Frauen.
gestellt, so würden wir bemerken, daß sie spitzige Zähne hat wie einRaubtier.
In einem folgenden Drama, in „Richard III.", erscheint sie auchphysisch scheußlich, denn die Zeit hat ihr alsdann die spitzigen Zähne aus-gebrochen, sie kann nicht mehr beißen, sondern nur noch fluchen, undals ein gespenstisch altes Weib wandelt sie durch die KönigSgcmächer, unddas zahnlose böse Manl murmelt Unheilreden und Verwünschungen.
Durch ihre Liebe für Snffolk, den wilden Snffolk, weiß unsShakespeare sogar für dieses Univeib einige Rührung abzugewinnen.Wie verbrecherisch auch diese Liebe ist, so dürfen wir derselben dennochweder Wahrheit noch Innigkeit absprechen. Wie entzückend schön istdas Abschiedsgespräch der beiden Liebenden! Welche Zärtlichkeit inden Worten Margaretens:
Ach, rede nicht mit mir! gleich eile fort! —
O, geh noch nicht! So herzen sich und küssenVerdammte Freund', und scheiden tausendmal,
Vor Trennung hundertmal so bang als Tod.
Doch nun fahr wohl! fahr wohl mit dir mein Leben!
Hierauf antwortet Snffolk:
Mich kümmert nicht das Land, wärst du von hinnen;Volkreich genug ist eine Wüstenei,
Hat Snffolk deine himmlische Gesellschaft.
Denn wo du bist, da ist die Welt ja selbst,
Mit all und jeden Freuden in der Welt;lind wo du nicht bist, Öde nur und Trauer.
Wenn späterhin Margareta, das blutige Haupt des Geliebtenin der Hand tragend, ihre wildeste Verzweiflung ausjammert, mahntsie uns an die furchtbare Chricmhild des Nibelungenliedes. Welchegepanzerte Schmerzen, woran alle Trostworte ohnmächtig abgleiten! —
Ich habe bereits im Eingange angedeutet, daß ich in Beziehungauf Shakespeares Dramen aus der englischen Geschichte mich allerhistorischen und philosophischen Betrachtungen enthalten werde. DasThema jener Dramen ist noch immer nicht ganz abgehandelt, solange derKampf der modernen Industrie-Bedürfnisse mit den Resten des mittel-alterlichen Fcudalwesens unter allerlei Transformationen fortdauert.Hier ist es nicht so leicht wie bei den römischen Dramen, ein ent-schiedenes Urteil auszusprechen, und jede starke Freimütigkeit könnteeiner mißlichen Aufnahme begegnen. Nur eine Bemerkung kann ichhier nicht zurückweisen.
Es ist mir nämlich unbegreiflich, wie einige deutsche Kommen-tatoren ganz bestimmt für die Engländer Partei nehmen, wenn sievon jenen französischen Kriegen reden, die in den historischen Dramendes Shakespeare dargestellt werden. Wahrlich, in jenen Kriegen war