Tragödien. 117
Er findet endlich das beste Mittel, die Gefangene zn behalten,indem er sie seinem Könige anvermählt, nnd zugleich ihr öffentlicherlintcrthan nnd ihr heimlicher Liebhaber wird.
Ist dieses Verhältnis zwischen Margareten und Suffvlk in derGeschichte begründet? Ich weiß nicht. Aber Shakespeares divinatorischesAuge sieht oft Dinge, wovon die Chronik nichts meldet, und die dennochwahr sind. Er kennt sogar jene flüchtigen Träume der Vergangen-heit, die Klio aufzuzeichnen vergaß. Bleiben vielleicht auf dem Schau-platz der Begebenheiten allerlei bunte Abbilder derselben zurück, die nichtwie gewöhnliche Schatten mit den wirklichen Erscheinungen verschwinden,sondern gespenstisch haften bleiben am Boden, unbemerkt von den ge-wöhnlichen Werkeltagsmcnschen, die ahnungslos ihre Geschäfte darüber-hin treiben, aber manchmal ganz färben- nnd formenbestimmt sicht-bar werdend für das sehende Auge jener Sonntagskinder, die wirDichter nennen?
Königin Mnrgnrcta.
(König Heinrich VI. Zweiter nnd dritter Teil.)
In diesem Bildnis sehen wir dieselbe Margareta als Königin,als Gemahlin des sechsten Heinrich. Die Knospe hat sich entfaltet,sie ist jetzt eine vollblühende Rose; aber ein widerlicher Wurm liegtdarin verborgen. Sie ist ein hartes, frevelhaftes Weib geworden.Beispiellos grausam in der wirklichen, wie in der gedichteten Weltist die Scene, wo sie dem weinenden Uork das gräßliche, in das Blutseines Sohnes getauchte Tuch überreicht und ihn verhöhnt, daß erseine Thränen damit trocknen möge. Entsetzlich sind die Worte:
Sieh, Uork! dies Tuch befleckt' ich mit dem Blut,
Das mit geschärftem Stahl der tapfre CliffvrdHervor ließ strömen aus des Knaben Busen;
Und kann dein Aug' um seinen Tod sich feuchten,
So geb' ich dir's, die Wangen abzutrocknen.
Ach! armer Uork! haßt' ich nicht tödlich dich,
So würd' ich deinen Jammcrstnnd beklagen.
So gräm' dich doch, mich zu belust'gcn, Dork!
Wie? dörrte so das fenr'ge Herz dein Innres,
Daß keine Thräne sällt um Rutlands Tod?
Warum geduldig, Mann? Du solltest rasen;
Ich höhne dich, um rasend dich zn machen.
Stampf, tob und knirsch, damit ich sing' nnd tanze!
Hätte der Künstler, welcher die schöne Margareta für dieseGalerie zeichnete, ihr Bildnis mit noch weiter geöffneten Lippen dar-