Tragödien. 118
lichcn Dramen von Shakespeare, daß er den normannisch-französischenGeist dcS hohen Adels nicht mit dem sächsisch britischen Geist desVolks durch eigentümlichere Sprachformcn kontrastieren läßt. WalterScott that dieses in seinen Romanen, und erreichte dadurch seinefarbigsten Effekte. —
Der Künstler, der uns zu dieser Galerie das Konterfei der fran-zösischen Prinzessin geliefert, hat ihr, wahrscheinlich aus englischerMalice, weniger schöne als drollige Züge geliehen. Sie hat hier einwahres Vogelgesicht, und die Augen sehen aus wie geborgt. Sindes etwa Papageienfedern, die sie ans dem Haupte trägt, und soll damitihre nachplappernde Gelehrigkeit angedeutet werden? Sie hat kleine,weiße, neugierige Häudc. Eitel Putzliebe und Gefallsucht ist ihrganzes Wesen, und sie weiß mit dem Fächer allerliebst zu spielen.Ich wette, ihre Füßchcn kokettieren mit dein Boden, ivorauf sie wandeln.
Jriniue d'Arc.
(König Heinrich VI. Erster Teil.)
Heil dir, großer deutscher Schiller, der du das hohe Standbildwieder glorreich gesäubert hast von dem schmutzigen Witze Voltairesund den schwarzen Flecken, die ihm sogar Shakespeare angedichtet! . . .Ja, war es britischer Nationalhnß oder mittelalterlicher Aberglaube,was'scinen Geist umnebelte, unser Dichter hat da? heldenmütige Mädchenals eine Hexe dargestellt, die mit den dunkeln Mächten der Hölle ver-bündet ist. Er läßt die Dämonen der Unterwelt von ihr beschwören,und gerechtfertigt wird durch solche Annahme ihre gransame Hin-richtung. — Ein tiefer Unmut erfaßt mich jedesmal, wenn ich zuRonen über den kleinen Marktplatz wandle, Ivo man die Jungfrauverbrannte, und eine schlechte Statue diese schlechte That verewigt.Qualvoll töten! Das war also schon damals eure Handlungsweisegegen überwundene Feinde! Nächst dein Felsen von St. Helena gicbtder erwähnte Marktplatz von Roueu das empörendste Zeugnis vonder Großmut der Engländer.
Ja, auch Shakespeare hat sich an der Pucelle versündigt, undwo nicht mit entschiedener Feindschaft, behandelt er sie doch unfreundlichund lieblos, die edle Jungfrau, die ihr Vaterland befreite! Und hättesie es auch mit Hilfe der Hölle gethan, sie verdiente dennoch Ehrfurchtund Bewunderung!
Oder haben die Kritiker recht, welche dem Stücke, worin diePucelle auftritt, wie auch dem zweiten und dritten Teile „Heinrichs VI.",die Autorschaft des großen Dichters absprechen? Sie behaupten, dieseTrilvgie gehöre zu den älteren Dramen, die er mir bearbeitet habe.Ich möchte gern, der Jungfrau von Orleans wegen, einer solchen
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