1t>8 Shakespeares Mädchen und Frauein
hört zu den entsetzlichsten Scenen, die sich bei irgend einem Autorfinden. Die Geschichte der Philvnicle in den Verwandlungen desOvidius ist lange nicht so schauderhaft; denn der unglücklichen Römerinwerden sogar die Hände abgehackt, damit sie nicht die Urheber desgrausamsten Bubenstücks verraten könne. Wie der Vater durch seinestarre Männlichkeit, so mahnt die Tochter dnrch ihre hohe Weibes-würde an die sittlichere Vergangenheit; sie scheut nicht den Tod,sondern die Entehrung, und rührend sind die keuschen Worte, womitsie ihre Feindin, die Kaiserin Tamara, um Schonung anfleht, wenndie Söhne derselben ihren Leib beflecken wollen:
Rur schnellen Tod erfleh' ich! — und noch eins,Was Weiblichkeit zu nennen mir verweigert:
Entzieh mich ihrer Wollust, schrecklicherAls Mord für mich, und wälze meine LeicheIn eine garst'ge Grube, wo kein AugeDes Mannes jemals meinen Körper sieht.
O, dies erfüll', und sei erbarmuugsvollAls Mörderin!
In dieser jungfräulichen Reinheit bildet Lavinia den vollendetenGegensatz zu der erwähnten Kaiserin Tamora; hier wie in denmeisten seiner Dramen, stellt Shakespeare zwei ganz gemiitsverschiedeneweibliche Gestalten nebeneinander, und veranschaulicht uns ihrenCharakter durch den Kontrast. Dieses sahen wir schon in „Antoniusund Kleopatra", wo neben der weißen, kalten, sittlichen, erzprvsaischenund häuslichen Octavia unsere gelbe, ungezügelte, eitle und inbrünstigeÄgypterin desto plastischer hervortritt.
Aber auch jene Tamora ist eine schöne Figur, und es dünkt mireine Ungerechtigkeit, daß der englische Grabstichel in gegenwärtigerGalerie Shakespeareschcr Frauen ihr Bildnis nicht eingezeichnet hat.Sie ist ein schönes majestätisches Weib, eine bezaubernd imperatorischeGestalt, auf der Stirne das Zeichen der gefalleneu Göttlichkeit, in denAugen eine wcltverzehrende Wollust, prachtvoll lasterhaft, lechzendnach rotem Blut. Weitblickend milde, wie unser Dichter sich immerzeigt, hat er schon in der ersten Sccne, Ivo Tamora erscheint, alledie Greuel, die sie später gegen Titns AndronikuS ausübt, im vorausjustifiziert. Denn dieser starre Römer, ungerührt von ihren schmerz-lichsten Mutterbitten, läßt ihren geliebten Sohn gleichsam vor ihrenAugen hinrichten; sobald sie nun in der werbenden Gunst des jungenKaisers die Hoffnungsstrahlen einer künftigen Rache erblickt, eutriugclnsich ihren Lippen die jauchzend finsteren Worte:
Ich will es ihnen zeigen, was es heißt,
Wenn eine Königin auf den Straßen kniet,
Und Guad' umsonst erfleht.