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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
107
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Tragödien. 107

töten, das in den Bedürfnissen der Zeit schon tief wurzelt. In Antonius nnd Kleopatra sehen wir, ivic, statt des einen gefallenenCasars, drei andere Cäsaren nach der Weltherrschaft die kühnen Händestrecken; die Prinzipienfrage ist gelöst, und der Kampf, der zwischenden Triumvirn ausbricht, ist nur eine Pcrsvnenfrage: Wer fallImperator sein, Herr über alle Menschen nnd Lande? Die Tragödie,betiteltTitus Andronikns", zeigt nns, daß auch diese unbeschränkteAlleinherrschaft im römischen Reiche dem Gesetze aller irdischen Er-scheinungen folgen, nämlich in Verwesung übergehen mußte, nndnichts gewährt einen so widerwärtigen Anblick wie jene späterenCäsaren, die dem Wahnsinn nnd dem Verbrechen der Ncrvnen nndCaligulen noch die windigste Schwächlichkeit hinzufügten. Diesen,den Nervncn nnd Caligulen schwindelte auf der Höhe ihrer Allmacht;sich erhaben dünkend über alle Menschlichkeit, wurden sie Unmenschen;sich selber für Götter haltend, wurden sie gattlos; ob ihrer Unge-heuerlichkeit aber können wir vor Erstaunen sie kaum mehr nachvernünftigen Maßstäben beurteilen. Die späteren Cäsaren hingegensind weit mehr Gegenstände unseres Mitleids, unseres Unwillens,unseres Ekels; es fehlt ihnen die heidnische Sclbstvergötternng, derRausch ihrer alleinigen Majestät, ihrer schauerlichen Unverantmort-lichkcit . . . Sie sind christlich zerknirscht, nnd der schwarze Beichtigerhat ihnen ins Gewissen geredet, und sie ahnen jetzt, daß sie nur arm-selige Würmer sind, daß sie von der Gnade einer höheren Gottheitabhängen, und daß sie einst für ihre irdischen Sünden in der Höllegesotten und gebraten werden.

Obgleich "inTitus Andronikns" noch daS äußere Geprängedes Heidentums waltet, so offenbart sich doch in diesem Stück schonder Charakter der späteren christlichen Zeit, nnd die moralische Ver-kehrtheit in allen sittlichen nnd bürgerlichen Dingen ist schon ganzbyzantinisch. Dieses Stück gehört sicher zu Shakespeares frühestenErzeugnissen, obgleich manche Kritiker ihm die Autorschaft streitigmachen; es herrscht darin eine Unbarmherzigkeit, eine schneidende Vor-liebe für das Häßliche, ein titanisches Hadern mit den göttlichenMächten, wie wir dergleichen in den Erstlingswerken der größtenDichter zu finden Pflegen. Der Held, im Gegensatz zu seiner ganzendemoralisierten Umgebung, ist ein echter Römer, ein Überbleibselans der alten starren Periode. Ob dergleichen Menschen damalsnoch existierten? Es ist möglich; denn die Natur liebt es von allenKreaturen, deren Gattung untergeht oder sich transformiert, nochirgend ein Exemplar aufzubewahren, nnd sei es auch als Ver-steinerung, wie wir dergleichen auf Bergeshöhen zu finden Pflegen.Titus Andronikns ist ein solcher versteinerter Römer, und seinefossile Tugend ist eine wahre Kuriosität zur Zeit der spätesten Cäsaren.

Die Schändung und Verstümmelung seiner Tochter Lavinia gc-