Tragödien. l(>8
Lassen zu betrachten ist. Nichts ist charakteristischer als die fünfteScene des ersten Akts, wo sie von ihrer Kaimnerjnngfer verlangt,daß sie ihr Mandragora zu trinken gebe, damit dieser Schlaftrunkihr die Zeit ausfülle, wahrend Antonius entfernt. Dann plagt sieder Teufel, ihren Kastraten Mardian zu rufen. Er fragt unterthänig,was seine Gebieterin begehre. Singen will ich dich nicht hören, antwortetsie, denn nichts gefällt mir jetzt, was Eunuchen eigen ist — aber sagemir: Fühlst du denn Leidenschaft?
Mardian. Ja, holde Königin!
Klcvpatra. In Wahrheit?
Mardian. Nicht in Wahrheit;
Denn nichts vermag ich, als was in der WahrheitMit Anstand kann geschehn, und doch empfind'
Ich heft'ge Triebe, denk' auch oft an das,
Was Mars mit Venus that.
Kleopntra. O Charmian!
Wo, glaubst du, ist er jetzt? Steht oder sitzt er?
Geht er umher? besteigt er jetzt sein Roß?
Beglücktes Roß, das seine Last erträgt!
Sei tapfer, Roß! denn weißt du, wen du trägst?
Der Erde halben Atlas! Ihn, den Arm,
Den Helm der Menschen! Sprechen wird er oderWird murmeln jetzt: Wo ist nun meine SchlangeDes alten Nils? — Denn also nennt er mich.
Soll ich, ohne Furcht vor disfamatorischem Mißlächeln, meinenganzen Gedanken aussprechen, so muß ich ehrlich bekennen: diesesordnungslose Fühlen und Denken der Klcvpatra, welches eine Folgedes ordnungslosen, müßigen und beunruhigten Lebenswandels, erinnertmich an eine gewisse Klasse verschwenderischer Frauen, deren kostspieligerHaushalt von einer außerehelichen Freigebigkeit bestritten wird, unddie ihre Titulargatten sehr oft mit Liebe und Treue, nicht selten auchmit bloßer Liebe, aber immer mit tollen Launen Plagen und beglücken,klnd war sie denn im Grunde etwas anderes, diese Klevpatra, diewahrscheinlich mit ägyptischen Kroneinkünften nimmermehr ihren uner-hörten Luxus bezahlen konnte, und von dem Antonius, ihrem römischenEntretencur, die erpreßten Schätze ganzer Provinzen als Geschenkeempfing, und im eigentlichen Sinne des Wortes eine unterhalteneKönigin war!
In dem aufgeregten, unsteten, ans lauter Extremen zusammen-gewürfelten, drückend schwülen Geiste der Kleopatra wetterleuchtet einsinnlich wilder, schwefelgelber Witz, der uns mehr erschreckt als er-götzt. Plutarch giebt uns einen Begriff von diesem Witze, der sichmehr in Handlungen als in Worten ausspricht, und schon in derSchule lachte ich mit ganzer Seele über den mystifizierten Antonius,