Tragödien. 103
Eh' ich dich kannte, warst du halb verwelkt!
Ha! ließ ich deshalb ungedrückt in RomMein Kissen, gab darum die Zeugung aufRechtmäß'ger Kinder und von einem KleinodDer Frauen, um von der getauscht zu sein,
Die gern sieht, daß sie andre unterhalteil?
Dil warst von jeher eine Heuchlerin.
Doch werden wir in Missethatcu hart,
Dann — v des Unglücks! — schließen weise Götter
Die Augen uns; in unfern eigenen Kot
Versenken sie das klare Urteil; machen
Daß wir anbeten unfern Wahn und lachen,
Wenn wir hinstolpern ins Verderben.
Als kalten Bissen ansDes toten Casars Schüssel fand ich dich;
Du warst ein Überbleibsel schon des CnejnsPompejns; andrer heißer Stunden nichtZu denken, die, vom allgemeinen RufNicht aufgezeichnet, du wollüstig dirErhaschtest.
Aber wie jener Speer des Achilles, welcher die Wunden, die erschlug, wieder heilen konnte, so kann der Mund des Liebenden mitseinen Küssen auch die tödlichsten Stiche wieder heilen, womit seinscharfes Wort das Gemüt des Geliebten verletzt hat . . . Und nachjeder Schändlichkeit, welche die alte Nilschlange gegen den römischenWolf ausübte, und nach jeder Schimpfrede, die dieser darüber los-heulte, züngeln sie beide miteinander um so zärtlicher; noch imSterben drückt er auf ihre Lippen von so vielen Küssen noch denletzten Kuß . . .
Aber auch sie, die ägyptische Schlange, wie liebt sie ihren römischenWolf! Ihre Vcrrätercicn sind nur äußerliche Windungen der bösenWurmnatnr, sie übt dergleichen mehr mechanisch aus angeboreneroder angewöhnter Unart . . . aber in der Tiefe ihrer Seele wohntdie unwandelbarste Liebe für Antonius, sie weiß es selbst nicht, daßdiese Liebe so stark ist, sie glaubt manchmal, diese Liebe überwindenoder gar mit ihr spielen zu können, und sie irrt sich, und dieserIrrtum wird ihr erst recht klar in dem Augenblick, wo sie den ge-liebten Mann auf immer verliert, und ihr Schmerz in die erhabenenWorte ausbricht:
Ich träumt': es gab einst einen Feldherrn MarcAnton! — O einen zweiten, gleichen Schlaf,