Tragödien. 97
lügenden die Lorbeerkrvne des Ruhmes erwirbt, dagegen aber diebessere Krone, den bürgerlichen Eichcukranz einbüßt, und endlich biszum entsetzlichsten Verbrechen, bis zum Verrat an dem Baterland,herabsinkend, ganz schmählich untergeht: Das zeigt uns Shakespearein dem tragischen Drama, welches „Coriolan" betitelt ist.
Nach „Troilns und Cressida", worin unser Dichter seinen Stoffder altgriechischen Hervenzeit entnommen, wende ich mich zu dein„Coriolan", weil wir hier sehen, wie er römische Zustände zu be-handeln verstand. In diesem Drama schildert er nämlich den Partei-kampf der Patrizier und Plebejer im alten Rom.
Ich will nicht geradezu behaupten, daß diese Schilderung in allenEinzelheiten mit den Annalen der römischen Geschichte übereinstimme;aber das Wesen jener Kämpfe hat nnser Dichter aufs tiefste begriffenund dargestellt. Wir können solches nm so richtiger beurteilen, daunsere Gegenwart manche Erscheinungen aufweist, die dem betrüb-samen Zwiespalte gleichen, welcher eiust im alten Rom zwischen denbevorrechteten Patriziern und den herabgewürdigten Plebejern herrschte.Man sollte manchmal glauben, Shakespeare sei ein heutiger Dichter,der im heutigen London lebe und unter römischen Masken die jetzigenTvries und Radikalen schildern wolle. Was uns in solcher Meinungnoch bestärken könnte, ist die große Ähnlichkeit, die sich überhauptzwischen den alten Römern und heutigen Engländern und den Staats-männern beider Völker vorfindet. In der That, eine gewisse poesie-lose Härte, Habsucht, Blutgier, Unermiidlichkeit, Charakterfestigkeit istden heutigen Engländern ebenso eigen wie den alten Römern, nurdaß diese weit mehr Landratten als Wasserratten waren; in derUnliebcnswürdigkeit, worin sie beide den höchsten Gipfel erreicht haben,sind sie sich gleich. Die auffallendste Wahlverwandtschaft bemerkt manbei dem Adel beider Völker. Der englische wie der ehemalige römischeEdelmann ist patriotisch: die Vaterlandsliebe hält ihn, trotz allerpolitischen Rechtsverschiedcnheit mit den Plebejern aufs innigste ver-bunden, und dieses sympathetische Band bewirkt, daß die englischenAristokraten und Demokraten, wie einst die römischen, ein ganzes,ein einiges Volk bilden. In andern Ländern, wo der Adel wenigeran den Boden, sondern mehr an die Person des Fürsten gefesselt ist,oder gar sich ganz den partikulären Interessen seines Standes hin-gicbt, ist dieses nicht der Fall. Dann finden wir bei dem englischen,wie einst bei dem römischen Adel, das Streben nach Auktoritas alsdas Höchste, Ruhmwürdigste, und mittelbar auch Einträglichste; ichsage das mittelbar Einträglichste, da, wie einst in Rom, so jetzt auchin England die Verwaltung der höchsten StaatSämter nur durch miß-brauchten Einfluß und herkömmliche Erpressungen, also mittelbar,bezahlt wird. Jene Ämter sind Zweck der Jugenderziehung in denhohen Familien bei den Engländern, ganz wie einst bei den Römern;
Heine's Werke. IV. Bd. 7