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4 (1898) Shakespeares Mädchen und Frauen Tragödien
Entstehung
Seite
96
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96 Shakespeares Mädchen und Frauen.

wahre Repräsentant der Deutschen, des Volkes, das im Wissen seineLust befriedigt, nicht im Leben. Obgleich dieser berühmte Doktor,der Normal-Deutsche, endlich nach Sinnengenuß lechzt und schmachtet,sucht er den Gegenstand der Befriedigung keineswegs ans den blühendenFluren der Wirklichkeit, sondern im gelehrten Moder der Büchcrwelt;und während ein französischer oder "italienischer Nekrvmant von demMephistopheles das schönste Weib der Gegenwart gefordert hätte, be-gehrt der deutsche Faust ein Weib, welches bereits vor Jahrtausendengestorben ist, und ihm nur noch als schöner Schatten aus altgriechischenPergamenten entgegcnlächclt, die Helena von Sparta! Wie bedeutsamcharakterisiert dieses Verlangen das innerste Wesen des deutschen Volkes!

Ebenso kärglich wie die Cassandra hat Shakespeare im vor-liegenden Stücke, inTroilns und Cressida", die schöne Helena be-handelt. Wir sehen sie nebst Paris auftreten, und mit dem greisenKuppler Pandarus einige heiter neckende Gespräche wechseln. Siefoppt ihn, und endlich begehrt sie, daß er mit seiner alten meckerndenStimme ein Lieblingslied singe. Aber schmerzliche Schatten der Ahnung,die Vorgefühle eines entsetzlichen Ausgangs beschlcichen manchmalihr leichtfertiges Herz; ans den rosigsten Scherzen recken die Schlangenihre schwarzen Köpfchen hervor, und sie verrät ihren Gemütszustandin den Worten:

Laß uns ein Lied der Liebe hören . . . diese Liebe wird unsalle zu Grunde richten. O Kupido! Kupido! Kupido!"

Pirgilin.

sCorivlan.)

Sic ist das Weib des Coriolnn, eine schüchterne Taube, die nichteinmal zu girren wagt in Gegenwart des überstolzen Gatten. Wenndieser aus dem Felde siegreich zurückkehrt, und alles ihm entgegen-jubelt, senkt sie demütig ihr Antlitz, und der lächelnde Held nenntsie sehr sinnig:Mein holdes Stillschweigen!" In diesem Still-schweigen liegt ihr ganzer Charakter; sie schweigt wie die errötendeRose, wie die keusche Perle, wie der sehnsüchtige Abcndstcrn, wie dasentzückte Menschenherz ... es ist ein volles, kostbares, glühendesSchweigen, das mehr sagt als alle Beredisamkeit, als jeder rethvrischeWortschwall. Sie ist ein verschämt sanftes Weib, und in ihrer zartenHoldseligkeit bildet sie den reinsten Gegensatz zu ihrer Schwicger, derrömischen Wölfin Volumina, die den Wolf Casus Marcius einst ge-säugt mit ihrer eisernen Milch. Ja, letztere ist die wahre Matrone,und aus ihren patrizischen Zitzen sog die junge Brut nichts als wildenMut, ungestümen Trotz und "Verachtung des Volkes.

Wie ein Held durch solche früh eingesogenen Tugenden und Nu-